„Lieber Klotzen als Kleckern“
Analysten erwarten großen Zinsschritt

Wenn es nach den Finanzmarktakteuren und EZB-Beobachtern geht, ist eine Zinssenkung der Europäischen Zentralbank am 5. Dezember eine ausgemachte Sache. Die Mehrheit stellt sich sogar bereits auf einen großen Zinsschritt um einen halben Prozentpunkt nach unten ein.

FRANKFURT/M. Fast alle Finanzmarktteilnehmer rechnen fest mit einer Leitzinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) am 5. Dezember. Nur über die Frage, ob die Notenbank den Leitzins um einen halben Punkt auf 2,75 Prozent oder nur um einen Viertelpunkt auf 3,0 Prozent senkt, wird noch debattiert. In den vergangenen Tagen haben mehrere EZB-Ratsmitglieder Zufriedenheit mit der Inflationsentwicklung und Sorge vor einer weiteren Konjunkturabschwächung ausgedrückt. Zuvor hatte EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing in einem Interview die Aufmerksamkeit auf die Dezember-Sitzung gelenkt.

In den Kursen am Geldmarkt ist eine Zinssenkung um einen halben Punkt bis spätestens Februar schon vorweggenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese in einem Schritt im Dezember stattfindet, ist nach Markteinschätzung etwas größer als dass die Zinssenkung auf zwei kleine Schritte aufgeteilt wird.

"Die Unsicherheit ist größer geworden, aber folgende Faktoren wirken in Richtung auf eine geringere Inflation: Der Wechselkurs des Euro ist gestiegen, der Ölpreis ist gesunken", sagte EZB-Direktoriumsmitglied Sirkka Hämäläinen laut einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Interview mit dem Magazin "Focus Money". Auch ein schwächeres Wachstum führe zu geringerer Inflation. "Wir können die Zinsen auch ändern, wenn jemand das von uns verlangt", betonte die Finnin die Unabhängigkeit der EZB von Empfehlungen der Politiker auf eine besondere Weise. Bereits in den Tagen zuvor hatten zahlreiche andere Ratsmitglieder sich in offensichtlich abgestimmter Weise mit ähnlichen Äußerungen zu Wort gemeldet.

Seit Übernahme der Verantwortung für die Euro-Zinsen 1999 hat die EZB fünf Mal die Zinsen gesenkt, davon drei Mal in Schritten von einem halben Prozentpunkt und zwei Mal um einen Viertelpunkt. Bei den sieben Zinserhöhungen lautet das Verhältnis von kleinen zu großen Schritten dagegen zwei zu fünf.

"Die EZB hat eine Vorliebe dafür, in größeren Schritten die Zinsen zu senken", begründet Julian Callow von Credit Suisse First Boston seine Erwartung einer Zinssenkung auf 2,75 % am 5. Dezember. Der Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank erklärt dies damit, dass sich die konjunkturellen Wirkungen eines kleinen Zinsschritts zu wenig bemerkbar machten. Die beiden kleinen Zinssenkungen im letzten Jahr seien extern wie intern eher als unbefriedigend empfunden worden. Dass bei den Erhöhungen bisher die kleinen Schritte dominierten, führt Callow auf einen Sondereffekt zurück. Diese seien vor allem durch die Euro-Schwäche motiviert worden. In Bezug auf Kapital- und Devisenmärkte könne sich die Zentralbank einen stärkeren und direkten Einfluss ihrer Aktionen versprechen als in Bezug auf die Konjunktur.

Auch Callows Londoner Kollege von der Deutschen Bank, Thomas Mayer, rechnet mit einem großen Zinsschritt im Dezember. Die EZB sei besorgt über die Wirtschaftsentwicklung und die Inflationsrisiken würden als gering eingestuft. "In einer solche Situation ist Klotzen statt Kleckern angesagt", argumentiert Mayer. Gegen einen kleinen Zinsschritt führt er daneben noch an, dass dann sofort die Erwartung im Markt wäre, dass bald ein weiterer Schritt kommt. Das hält Mayer für ungünstig, da die Investoren an den Finanzmärkten und in den Unternehmen dann auf noch niedrigere Zinsen warten würden.

Mayer prognostiziert für das laufende und das kommende Quartal praktisch Nullwachstum im Euroraum und im Jahresdurchschnitt 2003 nur ein Wachstum von 1,2 Prozent. Damit werde er wohl am unteren Rand der Prognosespanne liegen, die die EZB im Dezember veröffentlichen wird, lautet seine Einschätzung. Aber auch die EZB-Prognose für das Wachstum werde ungünstig genug sein, um eine kräftige Zinssenkung zu rechtfertigen.

Kevin Gaynor, Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank UBS Warburg neigt dagegen eher zu der Prognose eines kleinen Zinsschritts. Die EZB werde vorsichtig agieren, weil sie wegen möglicher Inflationsgefahren nervös sei. Zudem könnte eine kräftige Zinssenkung wie ein Eingeständnis wirken, dass die EZB mit ihren Wachstumsprognosen weit daneben lag, meint Gaynor.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%