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“Liebes Tagebuch”

Mitten in die Krise der New Economy begann das Team von "Berlincubate" die Arbeit an dem ambitionierten Vorzeige-Gründerprojekt. Mit dem Online-Tagebuch ermöglichen die vier Einblicke in das Geschäfts- und Seelenleben - und damit repräsentative Einblicke in die Lage der Internet-Startups.

Die Zeiten für engagierte Internet-Gründer sind hart wie nie: Mit dem Kursverfall an den Wachstumsbörsen fiel proportional auch der Spass- und Partyfaktor in den neu gegründeten Internet-Unternehmen. Während High-Tech-Investoren verzweifelt auf Signale des US-Notenbankmagiers Alan Greenspan hoffen, treffen sich frustrierte Startup-Mitarbeiter zu Abschieds- und Ausstandsevents.



Keine einfachen Zeiten für die "Auserwählten" von "Berlincubate", dem ambitionierten Vorzeige-Gründungsprojekt im Berliner Szeneviertel Friedrichshain. Ausgestattet mit Büroräumen, Infrastruktur, Beratung und einem Monatsgehalt von 2000 Mark hat das Ende November zusammengestellte Team sechs Monate Zeit für die Konzeption einer kompletten Firma mit Unternehmenszweck, Businessplan und erste Umsetzungsschritte.



Mitten in das Stimmungstief hinein startete Anfang Januar die eigentliche Arbeit - nicht ohne Schwierigkeiten: Nur zwei Wochen vergingen, bevor sich das erste Mitglied der Crew verabschiedete. "Er konnte sich mit der vorgefundenen Infrastruktur nicht anfreunden", vermeldet das Tagebuch am 12. Januar. Wie bei vielen Neugründungen war die Begeisterung über lockere Strukturen und fröhliches Improvisieren in Frustration und Sehnsucht nach Professionalität und Planungssicherheit umgeschlagen.



Ähnlich der Volatilität der Börsen folgt auf ein Stimmungstief aber rasch wieder ein Aufschwung zu neuen Höhen: Marketingchefin Barbara Rausch antwortet am 18. Januar mit einem fröhlichen "Ja" auf die hohen Erwartungen, die das unverändert grosse Medienecho auf das Projekt bei dem Team erzeugt. Hohe Erwartungen als Resultat eines starken öffentlichen Interesses machen zeitgleich auch den Vorständen der Unternehmen zu schaffen, die es bereits zur Notierung am Neuen Markt geschafft haben - und dann nicht selten auch die andere Seite des Medienrummels kennenlernen mussten, wenn die Erwartungen nur teilweise oder gar nicht eingehalten werden konnten.



Für einen Stimmungswechsel in positiver Richtung sorgen auch die Kontakte zu den gegenwärtigen "Kunden", den Internet-Nutzern, die intensiv das Geschehen im gläsernen Firmen-Brutkasten verfolgen. Business-Development-Chef Thomas Geiger berichtet am 25. Januar von "positivem Feedback, Ideen und ganzen Businessplänen" in Mails, Chats und Diskussionsforen. Sollte diese Art von "Costumer Integration" tatsächlich Einfluss auf das Ergebnis haben, verspricht er "ihn oder sie in jedem Fall an unserer Firma beteiligen" - die Firmengründung ganz im Sinne des Internet-Gedankens.



Dass abseits von den Tagebuchmitteilungen auf der offiziellen Seite des Projekts zumindest das eine oder andere Bild vom Startup-Leben noch stimmt, erfährt der interessierte Internet-Nutzer jedoch erst bei tiefergehender Recherche auf einem anderen Server: "Am Freitag Abend war ich mit zwei interessanten Menschen Pizza essen.", schreibt Thomas Geiger im eher informellen Tagebuch bei der Jungen Karriere -womit zumindest die Ernährungsgewohnheiten der Jungunternehmer noch den verbreiteten Vorstellungen entsprechen. Dort erfährt man auch, dass sich die Idee "immer mehr konkretisiert" - man darf auf die Fortsetzung des Tagebuchs ebenso wie auf die Story der New Economy gespannt sein.

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