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Liebesbriefe für das Staatsoberhaupt

Am Montag hatte es in Ottawa in Strömen geregnet. Die Ausläufer von Hurrikan Rita hatten Kanada erreicht. Am Tag darauf aber strahlte die Sonne wieder über der kanadischen Hauptstadt. Es war Dienstag, der 27. September, ein bemerkenswerter Tag.

Am Montag hatte es in Ottawa in Strömen geregnet. Die Ausläufer von Hurrikan Rita hatten Kanada erreicht. Am Tag darauf aber strahlte die Sonne wieder über der kanadischen Hauptstadt. Es war Dienstag, der 27. September, ein bemerkenswerter Tag. Auf Parliament Hill, dem Hügel, auf dem das kanadische Parlament steht, wehten die Ahornblattfahnen. Auf dem "Hill" hatten sich Tausende Menschen versammelt, und viele von ihnen schwenkten eine andere Flagge: die Fahne Haitis. Denn die in Haiti geborene Michaëlle Jean trat ihr Amt als Generalgouverneurin Kanadas und damit als amtierendes Staatsoberhaupt an. Aus Montreal waren Hunderte Haitianer mit Bussen angereist, um ihre Michaëlle zu bejubeln. In Montreal lebt ein Großteil der etwa 100.000 Haitianer, die sich in Kanada niedergelassen haben. "Das ist der größte Tag für Haitianer in aller Welt", sagte einer von ihnen.

Die 48-jährige Radio- und Fernsehjournalistin ist Nachfolgerin von Adrienne Clarkson, einer gebürtigen Hongkong-Chinesin, die ihr Amt nach sechs Jahren abgab. Als Generalgouverneurin ist Jean die Stellvertreterin von Königin Elizabeth, die immer noch offizielles Staatsoberhaupt des zum Commonwealth gehörenden Kanada ist. Mit ihr kommt Kanadas amtierendes Staatsoberhaupt erstmals aus dem schwarzen Bevölkerungsteil des Landes. Und sie ist die bisher jüngste Amtsinhaberin. Vielleicht sollten wir uns an dieser Stelle kurz einmal folgendes vorstellen: Der nächste Präsident der Bundesrepublik Deutschland ist eine jugendlich wirkende charmante Deutsche türkischer Abstammung. Vorstellbar?

Nun ist es nicht so, dass in Kanada, bei aller Toleranz, die es in diesem multikulturellen Land gibt, die Nominierung Michaëlle Jeans nicht auch auf Kritik stieß. Im August hatte ein Bericht in einem der Separatismusbewegung in Quebec nahestehenden Magazin eine heftige Debatte ausgelöst. Darin waren ihr und ihrem Mann Jean-Daniel Lafond Sympathien für die Separatisten nachgesagt worden. Michaëlle Jean sah sich gezwungen, in einer offiziellen Erklärung ihre Loyalität zu Kanada zu bekunden. Wenige Tage vor ihrer Amtseinführung verzichtete sie zudem auf ihre französische Staatsangehörigkeit, die sie zusätzlich zu ihrer kanadischen durch die Heirat mit dem aus Frankreich stammenden Lafond erworben hatte. Damit zerstreute sie Befürchtungen, als offizielle Oberbefehlshaberin der kanadischen Truppen könnte sich durch Doppel-Staatsbürgerschaft in Loyalitätskonflikte gestürzt werden.

Umfragen vor der Amtseinführung zeigten ein differenziertes Bild. In ihrer Heimatprovinz Quebec ist Jean äußerst populär. 70 Prozent der Befragten standen hinter ihr, und besonders unter der Jugend war die Zustimmung groß. Was sehr bedeutend werden kann: In Michaëlle Jeans Amtszeit, die traditionell fünf bis sechs Jahre dauern wird, kann es durchaus zu einem erneuten Unabhängigkeitsreferendum in Quebec kommen, falls der separatistische Parti Quebecois die nächste Parlamentswahl in der Provinz gewinnen sollte. Für die "Föderalisten", also die Befürworter des geeinten Staats Kanada, könnte Jean, wenn sie sich dann engagieren sollte, eine nicht zu unterschätzende Hilfe sein. In Anglo-Kanada muss die neue Generalgouverneurin noch für sich werben. Insbesondere im Westen, wo es ein Gefühl der Entfremdung gegenüber der Zentrale in Ottawa und Ontario und Quebec gibt, stehen ihr viele reserviert gegenüber.

Mag sein, dass sich das sehr schnell ändert. Denn ihre Antrittsrede stieß auf ein überwältigend positives Echo. Sie rief zur Einheit des Landes auf. Damit meinte sie natürlich die Anglo- und Frankokanadier. Aber es geht darüber hinaus. Es kann auch als Plädoyer gesehen werden, im multikulturellen Kanada weniger die Eigenheiten und Besonderheiten der vielen Gruppen, sondern das Verbindende zu pflegen und hervorzuheben - vor allem die Freiheit.

Michaëlle Jean legte ihre Hoffnungen und ihre Sicht des modernen Kanada dar. Die neue Generalgouverneurin, die als Flüchtlingskind im Alter von elf Jahren aus Haiti nach Kanada kam, verkörpert das neue Kanada, in dem die Einwanderer aus Asien, Afrika, der Karibik und Europa einen erheblichen Anteil an der Bevölkerung haben. Im Interesse des Wohles aller müssten die Kanadier über "die Wunden" und die Unterschiede hinaussehen. Für sie gehört die Zeit der beiden Blöcke, der Anglo- und Frankokanadier, "die viel zu lang den Charakter dieses Landes beschrieben haben", der Vergangenheit an. Um dies zu beschreiben, benutzte Michaëlle Jean das sowohl englische als auch französische Wort "solitude", das für einen Zustand der Einsamkeit und der Trennung von anderen steht. "Die Zeit der beiden Einsamkeiten ist Vergangenheit", war ihr Motto, das dann auch die Berichterstattung in den kanadischen Medien prägte. Ihr persönliches Amtswappen enthält ebenfalls dieses Motto: "Briser les solitudes", was frei mit "Das Trennende einreissen" übersetzt werden kann.

Die Generalgouverneurin ging auch auf ihr persönliches Schicksal ein. Ihre Familie war vor den Todesschwadronen des haitianischen Diktators Duvalier nach Kanada geflohen. Sie sei in einem Land aufgewachsen, "das von Kopf bis zu den Zehen von Stacheldraht umgeben ist", zitierte sie den haitianischen Exilpoeten Rene Depestre, der ihr Onkel ist. Die Geschichte des Mädchens, deren Eltern dem Horror einer Diktatur ausgesetzt waren, und das nun Generalgouverneurin Kanadas ist, sei die Lektion "zu lernen frei zu sein".

Die Reaktion in den drei großen Tageszeitungen Kanadas war überwältigend. Was die Kolumnisten der konservativ-liberalen "Globe and Mail" und der eher rechtskonservativen "National Post" zu Papier brachten, ähnelte phasenweise Liebesbriefen an das neue Staatsoberhaupt. Sie sei das werdende Kanada, schrieb John Ibbitson in der "Globe", dies sei "das Kanada, das Kanada sein will". Und er verglich die Politikergarde in Ottawa, die alte Gegensätze und Wunden pflege, mit "dieser hübschen jungen Kanadierin haitianischer Geburt, mit einem Lächeln, das einem den Atem stocken lässt". Andrew Coyne kommentierte für die "National Post", die sich zuvor kritisch mit Jean auseinandergesetzt hatte, und er begann seinen Beitrag mit den Worten: "Madam, ich kapituliere. Lasst uns vergangene Kritik vergessen. Schieben wir den alten Streit beiseite. Ihre Rede ließ meine Verteidigung zusammenbrechen. Sie sind me in Oberbefehlshaber", schrieb Coyne in Anspielung auf die Funktion der Generalgouverneurin als Oberbefehlshaberin der kanadischen Truppen. Die Kolumnistin des "Toronto Star", Chantal Hebert, war etwas zurückhaltender, aber dennoch klar: Es werde schwer sein, diese Generalgouverneurin nicht zu mögen oder abzulehnen.

Michaëlle Jean hat die Messlatte sehr hoch gehängt. Sie muss nun beweisen, dass sie eine große Generalgouverneurin ist - wie ihre Vorgängerin Adrienne Clarkson, die dem Amt durch ihre Reisen durch das Land, ihre inhaltsreichen Reden, ihre Intelligenz und ihr Mitgefühl neue Bedeutung gab. Michaëlle Jean weiss dies. So muss auch ihre Geste verstanden werden, mit der sie an ihrem ersten Amtstag mit einer Tradition brach: Bisher haben scheidende Generalgouverneure Ottawa verlassen, kurz bevor die Feierlichkeiten für ihren Nachfolger begannen. Adrienne Clarkson wohnte auf Einladung ihrer Nachfolgerin der Feier bei.

Wie gesagt: Es war ein bemerkenswerter Tag in Ottawa.

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