Lienen neuer Borussia-Trainer
Ein Bild unendlicher Verbitterung

Hans Meyer war seit jeher ein skurriler Vertreter der Trainerzunft. Er trat in Mönchengladbach als "Kommunist" an und als trauriger Geselle in einer seltsamen Show ab.

MÖNCHENGLADBACH. Auf dem Bökelberg, jener dezenten Erhebung in einem Mönchengladbacher Wohngebiet, ist irgendwie die Vergangenheit der Fußball-Bundesliga beheimatet. Dort geschah für die deutsche Fußball-Historie bekanntlich Bedeutsames, es ist nur schon verdammt lange her. Hans Meyer weiß das alles, schließlich ist er schon 60 und gewissermaßen mit einer Alterssouveränität gesegnet. Glaubt er zumindest. Denn der Abgang des bisherigen Trainers von Borussia Mönchengladbach hatte am Samstagabend höchst merkwürdige Züge und zeichnete unfreiwillig ein Bild unendlicher Verbitterung.

Dazu beigetragen hatte vor allem ein Mann vom Boulevard. Der unscheinbare "Bild"-Berichterstatter lieferte sich zuletzt einen immer heftigeren Kleinkrieg mit Meyer. Während der Coach eine Stunde nach Abpfiff der Partie gegen Schalke 04 (2:2) noch letzte Interviews gab, verschwand der Bild-Vertreter mit Sportdirektor Christian Hochstätter - es gab offenbar viel zu besprechen. Weitere zwei Stunden später wurde von der Klubführung der Rücktritt Meyers verkündet und - wie aus dem Nichts - Ewald Lienen als sofortiger Nachfolger präsentiert.

Zuvor hatte Meyer noch seltsam- trotzige Sätze gesagt wie: "Ich sitze beim Präsidium, beim Publikum und bei der Presse richtig gut im Sattel." Die skurrilen Formulierungen waren andererseits nichts Neues beim zum Gladbacher Kultcoach aufgestiegenen Meyer. Der frühere DDR-Trainer und überzeugte Billigsekt-Trinker ("Rotkäppchen - für den Preis können sie nichts Besseres kriegen") hatte sich 1999 bei seinem Einstieg in Mönchengladbach mit Aussagen wie dieser eingeführt: "Ich bin von Hause aus Kommunist, und Kommunisten sind immer arm." Kein Wunder, dass seine Sprüche im Internet gelistet wurden.

Die Ost-Vergangenheit vermochte Meyer nie ganz zu leugnen. Die tägliche Arbeit mit den Spielern war selten spannungsfrei, weil die Vorstellungen des Trainers von Mitarbeiterführung bisweilen museale Züge trugen. "Fußballspieler sind überall auf der Welt ähnlich. Sie versuchen, wenn man von ein paar Ausnahmen absieht, auf dem Weg des geringsten Widerstandes möglichst viel zu erreichen und brauchen deshalb eine gewisse Zwangsführung", dozierte er vor anderthalb Jahren in einem Interview.

Als ihm die Bild-Zeitung vorrechnete, dass nur noch fünf Spieler im Kader hinter ihm stünden (was im ZDF-Sportstudio ungeprüft als Fakt weiterverbreitet wurde), mussten aufmüpfige Akteure wie Markus Münch und Marcel Witeczek vor ein paar Tagen ihren Spind leeren. Zu einem Zeitpunkt, als Meyer vermutlich längst wusste, dass er die Kommandobrücke des ramponierten Borussen-Schiffs verlassen würde. Denn Hochstätter sagte am Samstag auch: "Gehen Sie mal davon aus, dass ein Hans Meyer keine überstürzten Entscheidungen trifft."

Hochstätter und Präsident Adalbert Jordan verkündeten zudem, dass der Kontakt zu Lienen - in Absprache mit Meyer - schon länger bestanden habe und es ursprünglich geplant gewesen sei, den neuen Mann im Sommer zu installieren. Dabei war der Vertrag mit Meyer zuvor noch bis 2004 verlängert worden, ehe offenbar Ermüdungserscheinungen auftraten. Mit der honorigen Abmachung übrigens, dass der Kontrakt für beide Seiten ohne jede finanzielle Verpflichtung kündbar ist.

Ganz fix konnte es also gehen mit dem Stabwechsel. Gestern Morgen wurde Ewald Lienen, der einst selbst das Trikot der Borussen trug, als neuer Trainer vorgestellt. Der 49-Jährige war im Januar beim spanischen Zweitligisten CD Teneriffa entlassen worden. Früher galt Lienen als Hardcore-Grüner der Bundesliga, später wurde er als "Zettel-Ewald" verspottet - wegen seiner Vorliebe, am Spielfeldrand allerlei Notizen während der Partie niederzuschreiben. Gestern nun sagte er das, was jeder neue Trainer eines vom Abstieg bedrohten Klubs sagt: "Ich glaube, dass die Mannschaft genügend Potenzial hat, die Klasse zu erhalten."

Gegen Schalke hatte das Team in der Tat eine kämpferisch gute Leistung gezeigt. So gut, dass der Bild-Mann den weiteren Verbleib Meyers ("Wir sind alle Spielbälle der Medien") befürchten musste. Am Abend aber, kurz nach der Tagesschau, war dann das Duell zwischen Zeitung und Trainer entschieden: zu Gunsten der Bild.

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