Lindsay Owen-Jones führt den französischen Kosmetikkonzerns L’Oréal
L'Oréal-Chef: Der kultivierte Draufgänger

Owen-Jones ist einer der erfolgreichsten Manager in Frankreich. Seit 17 Jahren steigert L?Oréal jährlich den Gewinn. Das schafft ein gutes Finanzpolster, auch um von der Allianz die Beteiligung an Beiersdorf zu übernehmen. Er lehnt zwar jeden Kommentar ab, gilt aber als aussichtsreichster Kandidat.

PARIS. Wenn Roger Moore und Tony Curtis bei ihren Fernsehabenteuern als "Die Zwei" noch einen Kumpel gebraucht hätten, Lindsay Owen-Jones wäre sofort gecastet worden: Mit den beiden Serienhelden teilt der 56 Jahre alte Chef des französischen Kosmetikkonzerns L?Oréal die lockeren Sprüche. Wie sie, so pflegt er mit seinen exzentrischen Hobbys gelegentlich über die Stränge zu schlagen. Und selbstverständlich bewegt sich der gebürtige Waliser absolut souverän vor der Kamera. Es ist gleichgültig, ob er im Business-TV zu den Jahresergebnissen seines Hauses Stellung nehmen oder für den Fotografen des Magazins "Paris-Match" seine italienische Ehefrau schminken soll.

Owen-Jones ist einer der erfolgreichsten Manager in Frankreich. Seit 17 Jahren steigert L?Oréal jährlich den Gewinn. Das schafft ein gutes Finanzpolster, auch um von der Allianz die Beteiligung an Beiersdorf zu übernehmen. Er lehnt zwar jeden Kommentar ab, gilt aber als aussichtsreichster Kandidat.

Doch zugleich ist Owen-Jones so etwas wie das karierte Zebra in der von unauffälligen Grautönen dominierten Eliteriege der französischen Wirtschaft. Das fängt schon damit an, dass er ihr eigentlich nicht angehören will. "Ich habe kein Netzwerk", sagt der L?Oréal-Chef, der immerhin an der französischen Elite-Uni Insead in Fontainebleau Management studiert hat.

Vom Shampoo-Verkäufer zum Chef

Anders als viele seiner Kollegen in anderen Unternehmen des Landes schwebte er nicht aus dem höheren Staatsdienst in die Chefetage ein. Owen-Jones beginnt 1969 bei L?Oréal schlicht damit, dass er bretonischen Hausfrauen Shampoo verkauft. Er lässt seinen Charme so wirkungsvoll spielen, dass sein sagenumwobener Vorgänger François Dalle ihn auf die Karriere-Überholspur setzt.

Schnell vertraut Dalle dem damals kaum 30 Jahre alten Verkaufstalent die Verantwortung für das ganze Geschäft in Belgien an. Anschließend kommt der Manager, der neben seiner Muttersprache fließend Französisch und Italienisch sowie passabel Deutsch spricht, in gleicher Funktion nach Italien und in die USA - Schlüsselstellungen für die Entwicklung des Konzerns wie für seinen eigenen Weg nach oben.

Mit nur 42 Jahren nimmt Owen- Jones auf dem Chefsessel Platz. Dabei steht er unter kritischer Beobachtung der Hauptaktionärin und Enkelin des Konzerngründers, Liliane Bettencourt, sowie des Miteigners Nestlé. Seither hat er einen Kreis von Getreuen um sich geschart, die seine Leistungsansprüche erfüllen und sich mit seinem Führungsstil arrangieren.

Fragestunde Grill-Party

"Längst entscheiden wir im Konzern nicht mehr alles im Hauptquartier in Clichy", tönt er zwar. Doch unterzieht er die Führungskräfte der Konzerngesellschaften regelmäßig peinlichen Prüfungen: In so genannten Grill-Partys hinterfragt er zuweilen Details ihrer Entscheidungen und vergleicht die Positionen der eigenen Marken rigoros mit jenen der Konkurrenz. "Ich bin mir völlig im Klaren, dass ich für die Leute ein scheußlicher Schmerz im Hinterteil sein kann", sagt der Kosmetik-Boss ungeschminkt.

Denn Owen-Jones will überall die Nummer eins sein. Das gilt auch für sein Privatleben, für das er sich die Wochenenden und noch ein paar Tage mehr im Jahr strikt freihält. Dann schwingt sich der Sammler von schottischer Kunst schon mal hinter den Knüppel seines eigenen Hubschraubers, brummt an die Côte d?Azur, steigt dort mit seiner Tochter Céleste in die 23-Meter-Rennyacht "Magic Carpet" um - und gewinnt gegen illustre Konkurrenten Regatten. Oder er brettert im französischen Skiort Val d?Isère steile Tiefschnee-Hänge hinab, "eben alles, was volle Konzentration erfordert".

In Zeiten, wo deutsche Vorstandschefs nicht mehr selbst chauffieren dürfen, weil man um ihren Teint fürchtet, ist der Brite in Diensten der "Vereinten Nationen der Schönheit" fast ein Anachronismus: Jahrelang rast er mit vielen Hundert PS starken Sportwagen über Rennstrecken. Er kommt sogar unter die ersten Fünf bei den 24 Stunden von Le Mans. "Ein Jugendtraum", sagt der Konzernchef beiläufig, der 1970 mit dem Rennsport begann.

Vor sieben Jahren schmierte sein McLaren-Bolide aber einmal von der Fahrbahn ab in die Fangzäune. Da war dann prompt Schluss mit der Raserei. Lindsay Owen-Jones nimmt es gelassen: "Meine Frau Cristina und Frau Bettencourt waren ziemlich erleichtert."



Vita:
Lindsay Owen-Jones, vor 56 Jahren in Wallasey/Wales geboren, studiert englische Literaturwissenschaft in Oxford und absolviert die französische Management-Hochschule Insead. 1969 startet er seine Karriere bei L?Oréal. Er steuert mehrere Ländergesellschaften und wird 1988 Chef des Kosmetikunternehmens. Den Posten will er mit 60 Jahren abgeben. Er sitzt in Aufsichtsräten von Konzernen wie Air Liquide und BNP Paribas.

Quelle: Handelsblatt

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