Linke hat Wahlsieg fast in der Tasche
Brasilien vor der Wende

Brasilien steht vor einer historischen Wende: Wenn die sonst sehr zuverlässigen Wählerumfragen nicht völlig falsch liegen, wird die Linke bei den Wahlen am nächsten Sonntag (6. Oktober) oder spätestens in der Stichrunde am 27. Oktober erstmals die Macht in der neuntgrößten Industrienation der Erde erringen.

HB/dpa RIO DE JANEIRO. Luiz Inacio Lula da Silva (56), der Chef der sozialistischen "Partei der Arbeiter" (PT), führt nach allen Umfragen mit einem Vorsprung von mindestens 20 Prozentpunkten. "Lula kann sogar schon in der ersten Runde die nötige absolute Mehrheit erreichen", meint der Leiter des Meinungsforschungsinstituts Ibope, Carlos Montenegro.

Der Aufstieg des früheren Gewerkschaftsführers, dessen Partei auch Trotzkisten und Marxisten angehören, hat verschiedene Gründe. Zum einen hat Lula, dessen neues Motto "Frieden und Liebe" lautet, seine Angriffe auf den Kapitalismus gemäßigt. Heute unterstützt er sogar Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und will vom einst propagierten Schuldenmoratorium nichts mehr wissen. Zudem hat der ehemalige Dreher ohne Abitur einige Unternehmer und konservative Politiker für seine Sache gewonnen und einen Unternehmer, José Alencar, sogar als Vizepräsident nominiert.

Lula, der 1989, 1994 und 1998 erfolglos ins Wahlrennen ging, will Löhne subventionieren, seine Pläne sind aber sonst unklar. "Eine Sache ist, was Lula sagt, und eine andere, was er wirklich denkt und vorhat", warnt derweil der wohl größte Rivale des Favoriten, der frühere Gesundheitsminister José Serra. Wie der Kandidat der Mitte-Rechts- Regierung des scheidenden Präsidenten Fernando Cardoso (71) denken auch die meisten Unternehmer und Anleger.

Der Aufstieg des bärtigen Lula spricht nach Meinung von Experten für einen Sinneswandel im Heer der Armen, die in einer der reichsten Nationen der Welt leben. "Früher wollten die Armen um keinen Preis einen der Ihren wählen, heute hat sich das geändert", meint der angesehene Politikwissenschaftler Luiz Claudio Lourenco. "Preisstabilität allein reicht nicht mehr ausreicht, um Wahlen zu gewinnen", sagt er in Anspielung auf die Siege des Soziologen Cardoso, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten darf. Viele Menschen der Unterschicht hatten 1998 Cardoso mit der Begründung gewählt, sie könnten sich ohne hohe Inflation erstmals Joghurt und Hähnchen leisten.

Die Elendsviertel von Rio oder Sao Paulo sind seither weiter gewachsen. Auch in der Provinz ist die Armut größer geworden. Nach Kirchenangaben müssen 50 Millionen der 170 Millionen Brasilianer täglich hungern. Sogar das staatliche Statistikinstitut IBGE kam zum Schluss, dass die Ära Cardoso nach acht Jahren ohne bedeutende Erfolge im Kampf gegen die Armut endet. Danach ist das Realeinkommen der Arbeiter seit 1996 um 10,3 Prozent auf durchschnittlich 595 Real (etwa 200 Euro) gefallen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg in den vergangenen acht Jahren um 77 Prozent auf 7,8 Millionen im Jahr 2001.

"Seit der Rückkehr unseres Landes zur Demokratie 1985 wollte keine Regierung wirklich etwas ändern", klagt Lourenco. Nun sieht es anders aus. Sogar Serra verspricht "weit reichende Änderungen". Um den zweiten Platz kämpft er Kopf an Kopf mit zwei Kandidaten, die Lula fast als "konservativ" erscheinen lassen. "Kein Abkommen mit dem IWF", fordern sowohl Ciro Gomes als auch Anthony Garotinho.

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