Linkssein in der Finanzkrise
Die linke Fehlzündung

Eine fiese Finanzkrise, arrogante Amerikaner, miese Manager, böse Banken – nie schien die Lage so günstig für linke Gemüter. Darum kamen sie auch wie Dinosaurier aus ihren ideologischen Museen gestampft und spielten für einige Wochen noch einmal Revoluzzerparty.
  • 0

Eine fiese Finanzkrise, arrogante Amerikaner, miese Manager, böse Banken - nie schien die Lage so günstig für linke Gemüter. Darum kamen sie auch wie Dinosaurier aus ihren ideologischen Museen gestampft und spielten für einige Wochen noch einmal Revoluzzerparty.

Doch vollkommen erfolglos. Nichts passiert, wovon die Linke kurz geträumt hat. Der Kapitalismus geht nicht unter, die Revolution fällt wieder einmal aus, die Umfragewerte für linke Parteien fallen sogar. Unter den Spätsommer-Spontis macht sich schon im Herbst wieder Enttäuschung breit. Selten ist ein politischer Stimmungsballon so rasch geplatzt.

Fast alle politischen Beobachter hatten Anfang September noch gewettet, dass nun Oskar Lafontaines Linkspartei ebenso schnell aufsteigen werde wie die Aktienkurse fallen. Der Linksrutsch nach dem Linksrutsch dräute, die alten Seilschaften von Genossen machten Stimmung wie seit dem Nato-Nachrüstungsbeschluss nicht mehr. Alle raunten von einer "Zeitenwende", manche gar von einem "zweiten Mauerfall". Doch keine zwei Monate später reibt man sich die Augen. Die Linkspartei hat seit ihrem Hoch im August deutlich an Zustimmung verloren, die SPD dümpelt in den Umfragen bei Mittzwanzigerwerten und die Grünen liegen mittlerweile klar hinter der - schlimm, schlimm neoliberalen - FDP zurück, obwohl man gerade denen einen Absturz in der Wählergunst vorhergesagt hatte.

Weder hat es eine Zeitenwende gegeben noch einen Mauerfall. Die gefühlte Stimmung der Genossen und die tatsächliche des Volkes entwickelt sich genau in die entgegen gesetzte Richtung. Das Volk reagiert im Angesicht einer drohenden Rezession konservativ, es spart, folgt der CDU-Kanzlerin und hält sich an Bewährtes. Dass es der polischen Linken überhaupt nicht gelingt, aus der turbulenten Lage Kapital zu schlagen, hat auch langfristige Gründe.

Zum einen leidet die linke Gedankenwelt seit dem Zusammenbruch des Ostblock-Kommunismus immer noch am totalitären Erbe. Der real existierende Sozialismus hat mit seinen Hinrichtungskellern und Mauern den Langfristkredit der Moralität und Utopie nachhaltig geraubt. Linke Gesellschaftsvisionen klingen immer ein wenig nach der bleiernen Zeit des Ideologischen. Wenn die Linken also vorschnell von einem neuen "Mauerfall" reden, dann verraten sie nur ihre eigene ideologisch-totalitäre Erblast.

Seite 1:

Die linke Fehlzündung

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%