Linyin Xu
Partykönig und Partnervermittler

Linyin Xu tut etwas, was vor ihm kaum ein chinesischer Vorzeigesportler getan hat: Er spricht über Geld und Politik. Doch nicht nur deswegen ist der zwei-Meter große Beachvolleyballer eine Ausnahme vom herrschenden Bild des strammen chinesischen Sportsoldaten, der nach kommunistischer Leistungs-Maxime zu funktionieren hat.

MÜNCHEN. Die Geschichte ist im Beachvolleyball längst Legende. Vor einem Jahr, am Anreisetag zur Weltmeisterschaft in Gstaad, stürmte Linyin Xu (22) in das Foyer des Hotels Bernerhof und verwickelte die junge Rezeptionistin in ein surreal anmutendes Gespräch. Er und sein Partner Penggen Wu hätten eine Zimmerreservierung, sagte Xu im besten Englisch. Aber sie müsse verstehen, ihr Trainer dürfe hier auf gar keinen Fall bleiben. Den solle sie jetzt bitte schön ins nächste Dorf schicken. "Sagen Sie ihm, hier ist alles ausgebucht", bettelte Xu die Rezeptionistin an.

Teamchef Zhihong Miao, der nur chinesisch spricht, verstand die Welt nicht mehr. Xu und Wu hingegen hatten ihren ersten kleinen Coup gelandet und waren ihrem Chefaufpasser fürs erste entkommen. "Wenn Miao im selben Hotel schläft, überprüft er immer, wann wir im Zimmer sind, ob wir die Bettruhe einhalten oder auf einer der Partys am Abend sind. Wenn er uns dabei erwischt, kostet uns das 150 Dollar." Am Ende reichte es für die hoch gehandelten Chinesen bei der WM zwar nur zu Rang fünf, aber die eine oder andere Party haben sie eben doch mitgenommen.

Der smarte Modellathlet ist eine Ausnahme vom herrschenden Bild des strammen chinesischen Sportsoldaten und Kaderathleten, der nach kommunistischer Leistungs-Maxime zu funktionieren hat. Wer mag, kann eine Woche vor Beginn der Olympischen Spiele in Linyin Xu ein neues, sympathischeres Gesicht Chinas entdecken. Xu studierte an der University of California in Los Angeles Englisch und Französisch, bevor er vor drei Jahren auf die Profitour geschickt wurde. Der Zwei-Meter große Xu (Spitzname: "Tiny", übersetzt: winzig) ist ein lustiger Vogel, der Partner wie Konkurrenten mit seinen Späßen überfällt. Und wenn es sein muss, hilft er auch in amourösen Angelegenheiten: dem deutschen Spitzenspieler Julius Brink vermittelte er kürzlich ein Date mit Tian Jia, dem attraktiven Star der chinesischen Beachvolley-Ballerinnen.

Ähnlich wie seine Heimatstadt Schanghai , die sich zu einer der großen Konsummetropolen der Welt entwickelt hat, kann Xu den westlichen Lebensstil längst mit seinen chinesischen Wurzeln vereinbaren. "Mit coolen Leuten am Strand ein Bierchen trinken und interessante Gespräche führen, das ist für mich Lebensqualität", sagt er und lacht dabei - weil er weiß, dass er sich in seinen Erwartungen und Träumen kaum noch von westlichen Konkurrenten unterscheidet.

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