Lipskys Weltsicht
Vorsichtige Investoren

Die Marktteilnehmer haben die langfristigen Zinsen in der vergangenen Woche wieder nach oben getrieben, obwohl die Konjunkturdaten weitgehend den Prognosen der Volkswirte entsprachen.

So kletterten die Renditen der zehnjährigen Treasuries (US-Staatsanleihen) um 13 Basispunkte (0,13 Prozentpunkte) auf einen Wochenschluss von 4,98 Prozent. Innerhalb von zwei Wochen ist die wichtigste Anleihe damit um 33 Basispunkte gestiegen.

Diese jüngste Marktbewegung hat deshalb Gewicht, weil die Renditen der zehnjährigen Bonds nun den bisherigen Höchststand von Mai 2004 übertroffen haben. Natürlich ist es denkbar, dass diese Entwicklung sich schnell umkehrt. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Investoren zu dem Schluss kommen, die zyklische Expansion nehme nun „normalere“ Risikomerkmale an. In anderen Worten: Das berühmte „Rätsel“ des ehemaligen Notenbankchefs Alan Greenspan von Februar 2005 wird zur blassen Erinnerung. Greenspan hatte sich gewundert, dass die langfristigen Zinsen nicht auf die kurzfristigen Notenbankzinsen reagieren.

Das Abflachen der Renditekurve bei den Treasuries, das mit früheren Zinsanhebungen der Fed einherging, spiegelte vorwiegend einen Rückgang der Zinsaufschläge wider, die Investoren für das Halten von langfristigen Wertpapieren verlangen. Diesen Aspekt hat der neue Fed-Chairman Ben Bernanke am 20. März vor dem New Yorker Wirtschaftsclub in die Diskussion gebracht. So gesehen stellt der jüngste Anstieg der langfristigen Zinsen, der mehr oder weniger den Zinsschritten der Fed entspricht, eine Art der „Normalisierung“ im Verhalten der Anleger dar.

Allerdings sind neue Inflationsrisiken nicht in Sicht. Außerdem: Wenn die Kerninflation innerhalb des indirekt angestrebten Zielkorridors der Fed von einem bis zwei Prozent bleibt, dürfte der Zielsatz für Fed Funds (der US-Leitzins) bereits leicht restriktiv auf die Konjunktur wirken. Die inflationsbereinigten langfristigen Anleihe-Renditen könnten schon eine risikofreie Rendite widerspiegeln, die in einem Umfeld anhaltend niedriger Teuerung „normal“ wäre. In diesem Fall dürfte es sich bei jeder weiteren „Marktnormalisierung“ um übertriebene Vorsicht der Investoren handeln. Ein weiterer Anstieg der Renditen wäre also fundamental nicht gedeckt.

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