Liquiditätskrise der Dotcom-Unternehmen verschärft sich
Drittel der Internetfirmen droht das Aus

In den kommenden zwölf Monaten wird es in der europäischen Internetbranche vermehrt zu Insolvenzen kommen. Knapp einem Drittel der Firmen droht das Geld auszugehen. Trotz der Sparanstrengungen hat sich der positive Ergebnistrend in der Branche wieder umgekehrt.

FRANKFURT/M. An den Börsen scheinen die Kurse der Internet-Unternehmen ihren Boden im September gefunden zu haben, im Geschäft geht es bei vielen wieder abwärts. So hat sich beispielsweise der mehr als 60 Unternehmen umfassende Internet-Index des Neuen Marktes seit seinen Tiefstständen vor fünf Wochen um rund 50 % erholt. Die Kurse der Spitzengruppe der Dotcom-Firmen haben auch den Deutschen Aktienindex seit Januar deutlich überflügelt. Nach der jüngsten Studie des Beratungsunternehmens Pricewaterhouse Coopers (PWC), die heute der Öffentlichkeit vorgestellt wird, steht diese Kursrally auf tönernen Füßen. Denn aus dem Konzert der 150 größten börsennotierten Internetunternehmen in Europa droht nach den jüngsten Erhebungen von PWC etwa 50 das baldige Aus, sofern sich die konjunkturelle Lage nicht aufhellt. Ross und Reiter nennt die Studie aber nicht.

Dass sich die Situation alles andere als entspannt, zeigt eine andere Zahl. Trotz der Anstrengungen vieler Dotcoms, die Kosten zu reduzieren, was sich auch im Verlust von rund einem Zehntel der ehemals 380 000 Arbeitsplätze zwischen Januar und Juni dokumentiert, ist die Zahl der profitablen Unternehmen gesunken: Arbeiteten Mitte des Jahres 2000 rund 41 % mit Gewinn, so ist diese Zahl im laufenden Jahr auf 24 % gefallen. Und noch alarmierender: Reichte die Liquidität zum Jahreswechsel im Durchschnitt noch für siebzehn Monate, so schrumpfte dieser Zeitraum bis Mitte des Jahres auf elf Monate.

Dabei geht die Schere zwischen den Unternehmen, die sich positiv entwickeln und den Firmen mit Problemen immer weiter auseinander. "Für diejenigen, die es bislang nicht geschafft haben, wird es immer schwerer", kommentiert Alexander Meinert, Manager Coporate Finance bei PWC. Zumal sich die konjunkturelle Situation nach den Anschlägen in den USA weiter eingetrübt hat. "Wir stellen fest, dass IT-Projekte immer stärker zurückgestellt werden, was insbesondere die Internet-Branche hart trifft."

Unternehmen, die noch dabei sind, einen Kundenstamm aufzubauen, leiden unter den erschwerten Bedingungen besonders. Auch auf der Seite der Aktienstrategen werden daraus Konsequenzen gezogen. So rät beispielsweise Volker Borghoff von HSBC Trinkaus davon ab, bei der Geldanlage auf Turnaround-Kandidaten zu setzen: "Die Firmen, die jetzt schwach dastehen, schaffen im aktuellen Umfeld die Wende wahrscheinlich nicht."

Da die Möglichkeiten an frisches Kapital heranzukommen zudem zurzeit gegen Null gehen, dürften die Zahl der Insolvenzen in den kommenden zwölf Monaten stark ansteigen. Davon werden sowohl B2B-Firmen - also Gesellschaften, die sich auf Internetanwendungen zwischen Unternehmen konzentrieren - als auch solche betroffen sein, die das Geschäft via Netz mit dem Konsumenten (B2C) im Fokus haben. Daran ändert auch nichts, dass nach der PWC-Studie die B2C-Firmen auf Grund der stärkeren Internet-Ausbreitung ihre Umsätze deutlich gesteigert haben. Lagen sie Mitte 2000 im Durchschnitt noch bei knapp 6 Mill. Euro im Quartal, so werden ein Jahr später bereits mehr als 14 Mill. Euro umgesetzt. Allerdings sind die Finanzierungspolster der B2C-Firmen im Vergleich zu den B2B-Unternehmen noch dünner. Nicht einmal mehr zehn Monate reicht ihr Geld im Schnitt.

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