Liste der Arbeitslosen aus den Chefetagen ist lang
Die gefallenen Stars

Manager erleben in den USA die Kehrseite des Ruhms: Rezession und Bilanzskandale sorgen für Wechsel auf den Chefsesseln.

Als am 26. April spät abends bei Bernie Ebbers das Telefon klingelte, ahnte der Chef des Telekommunikationskonzerns Worldcom nichts Böses: am Apparat waren zwei langjährige Freunde, Stiles Kellet und Max Bobbitt. Beide sind jedoch nicht nur Weggefährten von Ebbers, sondern sitzen auch im Aufsichtsgremium (Board) des von ihm gegründeten Konzerns. Und in dieser Funktion hatten sie ihrem Freund eine bittere Botschaft zu überbringen: Du bist gefeuert. Ebbers ist nicht der einzige US-Manager, der seinen Posten in den letzten Monaten verloren hat.

Die Liste der neuen Arbeitslosen aus den Chefetagen ist ebenso namhaft wie lang: Gerade erst nahm Ed Zander, zweiter Mann beim Serverhersteller Sun Microsystems und bereits seit 15 Jahren im Unternehmen überraschend seinen Hut. Gerald Levin, Spitzenmann beim Medienkonzern AOL Time Warner, trat ebenso zurück wie der Chef des Geschäftsbereiches AOL, Barry Schuler. Beim Internet-Warenhaus Amazon ging Finanzchef Warren Jenson, bei Microsoft war es der dritte Mann an der Spitze, Rick Belluzzo. Der Chef von IBM, Lou Gerstner, überließ die Geschäfte seinem Nachfolger Sam Palmisano. Carl Yankowski vom Taschencomputerhersteller Palm warf bereits vor einigen Monaten das Handtuch.

Wirtschafts-Flaute entzaubert Manager

Das abrupte Ende des Internet-Booms und die darauf folgende Rezession haben viele Idole der New Economy entzaubert. Verkäufer von Wachstumsträumen sind out, Sanierer sind gefragt. Und da müssen viele Schönwetter-Kapitäne aus dem Dotcom-Zeitalter passen. Sind doch viele von ihnen während des zehn Jahre dauernden Booms ans Ruder gekommen und haben nie eine Krise meistern müssen.

Der Bilanzskandal um den Pleite gegangenen Energiehändler Enron hat das Misstrauen der Investoren gegenüber den Manager-Stars von gestern noch verstärkt. Nicht Namen, sondern Nummern zählen jetzt. Wer da nicht mithalten kann, wird gefeuert. Andere, wie Zander, Levin oder Gerstner, haben genug von der Tretmühle und gehen von selbst.

Ausgebrannt und unglücklich

"Viele sind wirklich ausgebrannt und unglücklich und kündigen deshalb", sagt Bob Winter, Berater bei der Personalfirma Management Decisions. "Die Spitzenmanager sind in den vergangenen zehn bis zwölf Jahren praktisch ständig gesprintet - sie sehen die wirtschaftliche Flaute als gute Gelegenheit, vom Hamsterrad abzuspringen und sich etwas Zeit für sich oder die Familie zu nehmen", ergänzt Scott Gordon, Leiter der Internet-Praxis für Nordamerika beim Personalberater Spencer Stuart. "Es werden zurzeit viele Segelyachten gekauft", scherzt er.

Auszeiten müssen nicht zum Karriereknick führen. Wer einen guten Ruf habe, könne auch nach einer Pause wieder hoch einsteigen, sagt Gordon. Anders ist es bei jenen, die unfreiwillig gehen mussten - wie zum Beispiel Worldcom-Chef Ebbers. Er hat nicht nur Schulden von rund 400 Millionen Dollar und ein ramponiertes Ansehen, sondern dürfte auch bei der Jobsuche enorme Probleme haben. "Wer gefeuert wurde, hat es in der Regel sehr schwer", sagt Ira Kay von der New Yorker Personalberatung Watson Wyatt.

Verzahnt: Reputation des Chefs und Firmenimage

Für Kay ist die Kündigungswelle auf der Chefetage nicht ungewöhnlich. "Das ist kein grundsätzlich neues Phänomen, sondern ein Trend der letzten zehn Jahre", sagt der Personalexperte. Neu sei allerdings die Sensibilität, mit der Aktionäre und Investoren auf die jüngsten Bilanzskandale in den USA reagiert hätten. "Das Ansehen aller Unternehmensführer hat dadurch gelitten", sagt Kay. Die Reputation des Chefs sei jedoch "extrem wichtig" für das Firmenimage. Eine Untersuchung der internationalen PR-Agentur Bur-son Marsteller hat ergeben, dass das Ansehen eines Unternehmens zu mehr als der Hälfte durch die Reputation seines Chefs bestimmt wird. Der Glaubwürdigkeit des Managers an der Spitze wird dabei ebenso viel Bedeutung beigemessen wie seinem finanziellen Erfolg für das Unternehmen.

Der Name Enron ist durch die Machenschaften seiner Manager vermutlich für immer gebrandmarkt. Aber auch Worldcom wird noch lange unter den Fehlleistungen seines Ex-Chefs Ebbers leiden müssen. Nach Meinung von Personalberater Kay gibt es jedoch zum Kult der Manager keine Alternative. "Es gibt nicht Besseres als einen hoch bezahlten, hoch motivierten Chef, um ein Unternehmen zum Erfolg zu führen", sagt er.

Die Jagd nach den Star-Managern wird also weitergehen. Firmen, die eine Führungskraft suchen, haben derzeit eine gute Auswahl wie noch nie: "So viele ausgezeichnete Kandidaten wie jetzt auf dem Markt sind, habe ich in meinen acht Jahren als Personalberater noch nicht gesehen", sagt Experte Gordon. Zwar ist die Nachfrage noch immer gedrückt, aber erste Zeichen der Besserung sind erkennbar: "In den vergangenen zwei Monaten hat der Bedarf wieder dramatisch zugenommen."

Quelle: Handelsblatt

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