Listen.com hat als erster Anbieter alle Titel der großen Label im Netz
Musikindustrie findet Freude am Internet

Die Zeit des Klagens ist offenbar vorbei. Die Musikkonzerne können die Verbreitung von Musik über das Netz nicht stoppen, jetzt wollen sie endlich mitverdienen. Doch noch weiß niemand, ob die Kunden zahlen.

DÜSSELDORF. Für die großen US-Plattenverlage spielt die Musik nun auch im Internet: Die zu Vivendi gehörende Universal Music Group unterzeichnete zu Wochenbeginn ein Abkommen mit dem Internet-Musikanbieter Listen.com. Damit ist Listen.com aus San Francisco/Kalifornien der erste legale Internet-Musikvertrieb, der Songs aller fünf großen US-Plattenfirmen anbietet. Neben Universal sind die Warner Music Group, die zu Bertelsmann gehörende BMG, Sony Music Entertainment und EMI bei Listen.com unter Vertrag. Zudem bietet Listen.com Musikstücke der unabhängigen Plattenlabels Zomba Recording, TVT Records, Bar/None Records und Sub Pop Records an. Insgesamt hat Listen.com rund 175 000 Songs im Angebot.

Der Vertrag stellt ein Wendepunkt in der Haltung der Musikindustrie dar: Diese versucht nun, illegalen Diensten wie Kazaa oder Limewire durch das Abkommen mit Listen.com Kunden abspenstig zu machen. Bisher fand die Schlacht um Kunden überwiegend in Gerichtssälen statt. So erreichte die Musikindustrie vor Gericht beispielsweise ein zwischenzeitliches Abschalten der Online-Musiktauschbörse Napster, die sich jetzt im Konkursverfahren befindet. "Das Abkommen mit Listen.com ist wirklich ein Durchbruch", kommentiert Phil Leigh, Analyst beim Investmenthaus Raymond James & Associates. Auch Sean Ryan, Vorstandschef von Listen.com, glaubt, dass sich die Mentalität der großen Plattenlabels gewandelt hat. "Vor drei Jahren haben die Plattenfirmen gehofft, das Internet würde einfach wieder verschwinden, vor zwei Jahren glaubten sie, es sei durchweg schlecht." Erst im vergangenen Jahr habe sich so langsam die Meinung verbreitet, dass das Internet nützlich sein könne, um den Verkauf von Musik anzukurbeln. Jetzt seien sogar Top-20-Hits des Rappers Eminem und der Pop-Ikone Sheryl Crow legal online erhältlich.

Bei Listen.com können die Nutzer für 9,95 $ im Monat eine unbegrenzte Zahl an Musikstücken am Computer per Streaming-Technologie anhören. Die Technologie lässt es nicht zu, dass Musikstücke auf dem Rechner gespeichert und mit anderen Musik-Fans getauscht werden. In den kommenden Monaten will Listen.com allerdings auch Musik zum Herunterladen anbieten, so dass die Nutzer die Stücke für einen Aufpreis auf CDs brennen können und sie auf dem Discman oder im Auto hören können. Für eine kleine Auswahl an klassischen Stücken ist das bereits jetzt möglich. Zudem soll noch in diesem Jahr ein drahtloser Dienst angeboten werden, bei dem sich die Nutzer die Musik auch auf ihr Handy laden können.

Die US-Zeitung New York Times vermutet unterdessen, dass die Einigung mit dem Online-Dienst nach 16 Monate lang dauernden Verhandlungen auf bevorstehende rechtliche Probleme der Musikindustrie zurück zu führen sei. Das US-Justizministerium untersucht gerade, ob die Plattenfirmen widerrechtlich versuchen, die Musikdistribution über das Internet zu kontrollieren. Die Plattenindustrie hatte zuvor beklagt, dass ihr Umsatz durch Raubkopien im Internet im vergangenen Jahr um rund 5% geschmälert worden sei, und sie sich erst für einen Vertrieb im Internet stark machen würden, wenn ausreichend Kopierschutz sichergestellt sei.

Die Versuche der Musikbranche, mit Musicnet und Pressplay eigene Dienste aufzustellen, schienen halbherzig. Das Angebot von maximal 75 000 Songs galt unter Musik-Freunden als zu mager, der Preis von rund 2$ pro Song als zu hoch. So gewannen die illegalen Dienste immer stärkeren Zulauf, zuletzt tauschten einer Studie des Marktforschers Pew-Research zufolge 31 Mill. Amerikaner per Internet Musikstücke - ohne einen Cent Lizenzgebühren an die Studios zu zahlen. Jonathan Taplin, Vorstandschef des Internet-Filmdienstes Intertainer.com glaubt, dass die Plattenverlage an der Misere selber schuld seien: "Niemand tut gerne etwas Illegales. Wenn es ein gutes und günstiges Angebot gibt, zahlen die Nutzer gerne."

Der Mentalitätswandel macht sich auch bei anderen Plattenfirmen bemerkbar: So erlaubt die zu AOL Time Warner gehörende Warner Music Group ihren Nutzern nun, aus einer Bibliothek von 25 000 Songs Musikstücke für 99 Cent aus dem Internet herunter zu laden und auf CD zu brennen.

Experten halten den Preis aber für zu hoch, um Kunden anzuziehen, die bisher illegale kostenlose Tauschbörsen nutzen.

Quelle: Handelsblatt

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