Litauens Aufschwung ist stürmisch, seine Kultur vertraut
Europas neue Goldküste

Nichts ist uns Westlern fremder in Europa als Litauen, als Lettland, als Estland. Die neue Goldküste Europas ist eine Unbekannte, dabei wird sie am 1. Mai Teil der Europäischen Union. Eine Fernreise in die Heimat.

VILNIUS. Litauen ist nicht weit weg. Es liegt mitten im Kieler Ostuferhafen und findet Platz in einem niedrigen, schmucklosen Bau. Im Fernsehen läuft eine Hausfrauensendung, auf Litauisch. An den billigen Resopaltischen sitzen Männer mit Dreitagebärten, vor sich ein Bier, in der Hand eine Zigarette, ausnahmslos. Der Wirt ist dick, grillt Würste und plaudert mit den Gästen in seiner schweren, sperrigen Sprache. Seine Frau holt klein geraspelte Karotten und Kraut aus der Küche. Der Name der Kneipe steht auf dem Leuchtschild über der Theke: "Nida".

Thomas Mann hat über Nida und seine Dünen geschrieben. Er hatte dort, wie viele andere deutsche Künstler, sein Sommerhaus. "Kennen Sie die Dünen bei List auf Sylt? Man muss sie sich verfünffacht denken, man glaubt, in der Sahara zu sein!" schwärmt er. "Nida" ist ein litauischer Badeort auf der Kurischen Nehrung, jenem Sandstreifen, der das Süßwasser-Haff von der Ostsee teilt.

Nida ist wie Litauen ein Teil Europas, ein Teil von uns, schon immer. Und jetzt, ab 1. Mai 2004 umso mehr, wenn das baltische Land gemeinsam mit neun anderen Staaten der EU beitritt. Doch nichts ist uns Westlern fremder in Europa als Litauen, als Lettland, als Estland. Die neue Goldküste Europas: eine Unbekannte. Wenn Günther Jauch in "Wer wird Millionär?" nach den Hauptstädten der baltischen Staaten fragen würde, es wäre nicht die 1 000-Euro-Frage. Es wäre die 64 000-Euro-Frage, mindestens.

I. Grenzgänger

Die MS Lisco Gloria. Eine Vierbett-Kabine mit Blick auf die graue See. Weiße Bettlaken, ein akkurater Knick im Kopfkissen. Der schwere Dieselmotor lässt den Schiffsstahl erzittern, der Kieler Hafen schwindet aus dem Blick. In 20 Stunden wird die Fähre den litauischen Hafen Klaipeda anlaufen, ein paar Kilometer nur von Thomas Manns Nida entfernt.

Drei Männer beziehen ihre Kajütenbetten. Unten rechts liegt Valdas, Ende 30. Immer wenn er lacht, blinkt ein Goldzahn. Valdas ist Hausmeister in Eckernförde. Jetzt fährt er nach Hause oder dahin, wo einmal sein Zuhause war. Wenn Valdas viel Bier getrunken hat, klappt er seinen Geldbeutel auf. Darin lacht ein dunkellockiges Mädchen von einem Foto. Marie, seine Tochter, sieben Monate alt, bleibt bei Valdas? Freundin in Deutschland. "Es kratzt in meinem Herz", sagt Valdas.

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