Litauens Konjunkturmotor läuft wie geschmiert
Der „baltische Tiger“ ist reif für den Euro

Läuft in Litauen auf mittlere Sicht alles nach den Vorstellungen der amtierenden Regierung, so würde sich die Wirtschaftsleistung des Landes in den nächsten zehn bis zwölf Jahren nahezu verdreifachen. Entsprechend würde sich das BIP pro Kopf der Bevölkerung von zuletzt 4 228 Euro auf ansprechende 11 440 Euro im Jahr 2015 erhöhen. Die damit verbundene Herausforderung ist gewaltig. Gilt es doch für Litauen bis dahin Jahr für Jahr mit Wachstumsraten von mindestens 6,5 % p.a. glänzen zu müssen.

VILNIUS. Was auf den ersten Blick wie ein Verlust an Realitätssinn anmutet, erweist sich beim näheren Hinsehen, zumindest in der Kurzfrist-Perspektive, als nicht so abwegig. Denn nachdem zahlreiche Analysten die für 2001 registrierte 6,5 %ige Ausweitung des Bruttoinlandsproduktes noch als Eintagsfliege abtun wollten, gelang es dem knapp 3,7 Mill. Einwohner zählenden Ostseeanrainerstaat im Folgejahr dieses Ergebnis mit einem Plus von 6,7 % sogar noch zu toppen. Selbst der britische "Economist" zeigte sich davon tief beeindruckt und erklärte Litauen jüngst zur europaweit "fastest-growing economy". Von den renommierten Blattmachern von der Insel im gleichen Atemzug auch noch zum "baltischen Tiger" geadelt zu werden, machte in Litauen stolz die Runde.

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Ein in Vilnius ansässiger westlicher Diplomat, der nicht genannt sein will, geizt gleichfalls nicht mit Lob. Im Gegensatz zu früher würden die Dinge derzeit sehr gut laufen, gibt er zu Protokoll. Neben dem passablen Wirtschaftswachstum macht er dies vor allem daran fest, dass das Land bereits jetzt die für den Beitritt zur Euro-Zone maßgeblichen Konvergenzkriterien nahezu alle einhalte.

So erfüllt Litauen mit einem Haushaltsdefizit von 1,2 % des BIP im Jahr 2002 eines der entscheidenden Kriterien ebenso mit Leichtigkeit wie seine Inflationsrate unter dem Durchschnitt der drei Mitgliedstaaten mit den niedrigsten Preissteigerungsraten liegt. Als einziges Manko sieht der Diplomat bisher noch die langfristigen Zinssätze, die sich über dem Durchschnitt der Euro-Zone bewegen. Sollte allerdings der durch die Übernahme der litauischen Großbanken durch westliche Investoren beschleunigte Trend der letzten Jahre anhalten, sieht er gute Chancen dafür, dass auch dieser Maßgabe bald nachgekommen werden kann.

Außerdem strotzt der Litas, Litauens nationale Währung, nur so vor Stabilität. Diese sei auch bis zur Aufnahme des Landes in die Euro-Zone gesichert, zeigt sich Zentralbankchef Reinoldijus Sarkinas überzeugt. Bis zur Ablösung des Litas durch den Euro, gegenwärtig für Anfang 2007 angepeilt, ist deshalb auch nicht mit einer Abkehr vom erfolgreich praktizierten "currency board" zu rechnen.

All diese Erfolge wusste auch der Internationale Währungsfonds (IWF) im Juni im Rahmen seiner jüngsten Bestandsaufnahme der litauischen Wirtschaft zu würdigen. Gleichwohl wurde der Zeigefinger gleich mehrfach erhoben. So wird z.B. ein konsequenteres Umsetzen von überfälligen Strukturreformen, vornehmlich im Bereich der sozialen Absicherung, angemahnt. Überdies dürfe die Regierung die ungleich schnellere Entwicklung der Hauptstadt Vilnius gegenüber dem Rest des Landes nicht außer Acht lassen. Das könnte sonst potenzielle Gefahren in sich bergen. Sozialer Sprengstoff liege vor allem in der Disparität auf dem Arbeitsmarkt: Während die Erwerbslosenquote in Vilnius im August lediglich bei 5,5 % lag, erreichte sie in strukturschwachen Landkreisen 20 % und mehr.

Trotzdem überwiegen letztlich auf IWF-Seite die positiven Erkenntnisse, so dass folgerichtig die Wachstumsvorhersage für Litauens BIP von ursprünglich 5,3 % auf 5,8 % nach oben korrigiert werden konnte. Mit Blick auf die munter expandierende Wirtschaft - im Zeitraum Januar bis Juni 2003 verbuchte das BIP im Vorjahresvergleich ein Plus von 7,7 % -, unterzog das Finanzministerium seine Prognose einer noch deutlicheren Revision.

Waren die Schatzmeister der Staatskasse noch mit betont tiefgestapelten 4,9 % ins Jahr gegangen, werden dort nun mindestens 6,8 % für möglich gehalten.

Ähnlich optimistisch sehen mittlerweile auch die Volkswirte bei Litauens größtem Kreditinstitut, der Vilniaus Bankas, in die Zukunft. Ende August ließ deren Chefvolkswirt Gitanas Nauseda den Ansatz von ursprünglich 5,5 % durch 6,5 % ersetzen.

Dem Investitionsgeschehen im Land dürften derartige Wachstumsaussichten weiteren Schub verleihen. Immerhin konnte sich 2002 der Bestand an Auslandsinvestitionen bereits um nahezu ein Viertel ausweiten, wobei die Aktivposten hierfür aus Dänemark, Schweden, Estland und Deutschland stammten. Zum Ende des 1. Quartals 2003 verfehlte der akkumulierte Wert des angelegten Direktkapitals nur noch knapp die Marke von 4 Mrd. Euro.

Mit knapp 1 150 Euro pro Kopf der Bevölkerung reicht dies im osteuropäischen Vergleich aber noch nicht zu einer vorderen Positionen aus.

Um dort möglichst bald zu landen, kann Litauen mit dem Wohlwollen der internationalen Rating-Agenturen rechnen. Standard & Poor´s z.B. honorierte Ende Juli die makroökonomischen Erfolge mit einer Aufwertung des Ausblicks von "stabil" auf "positiv". Ein Schritt, der für Finanzministerin Dalia Grybauskaite "nicht unerwartet" kam. Darüber hinaus steht Litauen bei Moody´s seit Mitte August auf der "watchlist" und gilt somit als potenzieller Kandidat für eine Hochstufung.

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