Literatur
Neue Bücher ziehen Bundesrepublik-Bilanz

Das Doppeljubiläum dieses Jahres, sechzig Jahre Bundesrepublik Deutschland und zwanzig Jahre Fall der Mauer, reizt dazu, sich der eigenen Geschichte zu vergewissern, Licht und Schatten einer deutschen Erfolgsgeschichte zu erkennen und daraus Orientierung für eine Zeit voller Ungewissheiten zu gewinnen. Eine ganze Reihe von Neuerscheinungen erleichtert die Erinnerung, die Suche nach Erklärungen und Orientierung.

DÜSSELDORF. Manche Kritiker haben der ARD-TV-Dokumentation von Heribert Schwan und Rolf Steininger über „Die Bonner Republik“ angekreidet, die Autoren hätten den Mantel der Geschichte allzu schnell vorbeirauschen lassen. Für das von den beiden Historikern herausgegebene Begleitbuch zur Sendung trifft diese Kritik nicht zu. Zwar zwingt die Fülle des Stoffes auch im Buch zur Selektion und zum Zeitraffer, was vor allem bei den Einführungstexten zur holzschnittartigen Darstellung führt, aber die Zeitzeugen-Gespräche ermöglichen ein fesselndes Miterleben der spannendsten Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte.

Das Buch ersetzt keine analytische Geschichtsschreibung, aber es ist eine ertragreiche Lektüre. Es weckt und fördert das historische Interesse durch die ungefilterte Unmittelbarkeit, die Subjektivität, die Impressionen und Deutungen der Zeitzeugen, ihre Widersprüche und Übereinstimmungen. Besonders lohnend sind die Interviews mit Egon Bahr, Hans Apel, Helmut Kohl und Hans Modrow. Manchmal sind es kurze Zeugenaussagen wie die des sowjetischen Diplomaten Valentin M. Falin, die die Dramatik historischer Schlüsselszenen wie ein Blitzlicht erhellen. Falin sagt über die Konfrontation zwischen Amerikanern und Sowjets am Checkpoint Charlie nach dem Mauerbau: „Wir waren zweihundert Meter von einer Weltkatastrophe entfernt – und keiner wusste es.“

Detailliert beschreibt Andreas Rödder die dramatischen Ereignisse am Abend des 9. November, als sich die Mauer öffnete. Lesenswert macht nicht nur die Erzählstärke des Mainzer Historikers seine fundierte Darstellung der Wiedervereinigung, deren Titel „Deutschland einig Vaterland“ aus einer nicht gesungenen Zeile der DDR-Hymne stammt. Rödders großes Verdienst liegt darin, eine alle außen-, innen- und wirtschaftspolitischen Facetten integrierende ganzheitliche Geschichte der Wiedervereinigung geschrieben zu haben, analytisch, interpretierend und treffsicher urteilend.

Ohne die Rolle der Bürgerrechtsbewegung bei der „deutschen Revolution“ zu schmälern, zieht Rödder diese Schlussfolgerung: „Die ökonomische Krise war Voraussetzung und in ihrer Zuspitzung auch Ursache für das Ende des SED-Staates.“ Geld hatte schon bei der Öffnung der ungarischen Grenzen für DDR-Bürger eine Rolle gespielt, noch wichtiger waren die insgesamt 55 bis 57 Mrd. D-Mark, die im Zusammenhang mit der Einheit an die Sowjetunion gezahlt wurden. Aber Rödder wertet die Zahlungen, obwohl zwischen Gorbatschow und Kohl hart gefeilscht wurde, nicht als „Kaufpreis“.

Die deutsche Wiedervereinigung ist auch das spannendste Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik, die der Marburger Historiker Eckart Conze geschrieben hat. Er hat ihr den Titel „Die Suche nach Sicherheit“ gegeben. Mit 1 071 eng bedruckten Seiten – davon entfallen allein 100 Seiten auf die Anmerkungen und das Literaturverzeichnis–, ist es kein Buch für eine Bahnfahrt. Die Grundtendenz der Geschichte der Bundesrepublik und die Wahl des Titels bekräftigt Conze in den Schlusssätzen seines Buches. Er erklärt die gewaltigen Konjunkturprogramme zur Krisenbekämpfung so: „Es geht um die Stabilisierung des Gemeinwesens und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Es geht um Vertrauen in die Politik, und es geht um das Schutzversprechen des Staates. Es geht um Sicherheit.“

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