Lob beim Uno-Gipfel für die von der Regierung in Addis Abeba
Äthiopien wird Vorbild für afrikanische Agrarpolitik

In den dunklen Tagen der marxistischen Diktatur in Äthiopien, die 1991 zu Ende ging, litt Mergia Hirko unter einem Schicksal, wie es für einen Farmer schlimmer nicht sein könnte: Er konnte kaum seine Frau und die sieben Kinder ernähren. Heute hat seine Familie mehr als genug zu essen.

JOHANNESBURG. Mergia Hirko ist der Not entronnen, weil das Land am Horn von Afrika seine Agrarpolitik veränderte. Es steckt heute mehr Geld in die Landwirtschaft, unterstützt seine Farmer und erlaubt es ihnen vor allem, ihr Getreide auf dem offenen Markt zu verkaufen, statt es wie früher zu festgelegten Preisen bei der staatlichen Behörde abzuliefern. Die von der Regierung initiierten Reformen haben seit 1990 in Äthiopien zu einem Anstieg der Getreideproduktion von 100 % geführt - dafür wurde das Land beim Gipfel in Johannesburg positiv erwähnt.

Äthiopien ist ein Beispiel dafür, wie viele afrikanischen Regierungen durch die kontinuierliche Vernachlässigung der Landwirtschaft selbst maßgeblich zum Hungerelend auf dem Kontinent beigetragen haben. Heute braucht der ostafrikanische Binnenstaat bei extremen Wetterlagen noch immer größere Hilfslieferungen aus dem Ausland, doch spricht niemand gleich von einer Hungersnot wie im südlichen Afrika.

Aber die Entwicklung in Staaten wie Äthiopien, Ghana oder Uganda ist zurzeit noch die Ausnahme. Obwohl sich die Staatschefs in ihren Milleniumszielen vor zwei Jahren darauf verständigten hatten, die Zahl der unterernährten Menschen von 800 auf 400 Millionen zu verringern, sind die Fortschritte begrenzt. Wie es aussieht, wird die Zahl der Hungernden bis 2015 allenfalls auf 600 Millionen schrumpfen.

Das größte Hindernis bei der Erreichung des Milleniumsziels ist das anhaltend hohe Bevölkerungswachstum. Bis 2050 dürfte die Zahl der Menschen von derzeit sechs auf neun Milliarden eskalieren. Allerdings wird das landwirtschaftlich nutzbare Land nicht annähernd so schnell mitwachsen. Gegenwärtig werden rund 11 % der Erdoberfläche landwirtschaftlich genutzt. Zwar gibt es in Lateinamerika und Schwarzafrika Möglichkeiten, die Produktion noch auszudehnen, doch sind Regionen wie Südasien und Nordafrika enge Grenzen gesetzt. Zudem ist ein Gutteil erodiert. Die vor allem von ungeeigneten Anbaumethoden verursachte Bodenerosion ist für rund 40 % der weltweit zerstörten Acker- und Weidefläche verantwortlich.

Länder wie Äthiopien oder Uganda zeigen, dass die aktive Förderung der Landwirtschaft im wahrsten Sinne Früchte trägt und afrikanische Länder gut daran täten, mehr Verantwortung zu übernehmen statt bei Engpässen sofort nach Hilfe aus Europa und den USA zu rufen. Deren Nahrungsmittellieferungen haben nämlich oft nur zur Folge, dass die Not Leidenden zwar kurzzeitig versorgt, aber die lokalen Märkte durch europäische Überschussware nachhaltig und dauerhaft geschädigt werden.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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