Lockangebote für Top-Banker: Aderlass bei großen US-Banken

Lockangebote für Top-Banker
Aderlass bei großen US-Banken

Diane Glossman hat keine Lust mehr. Die Top-Analystin, die für das Investmenthaus UBS Warburg unter anderem die weltgrößte Bank Citigroup beobachtet hat, räumt im Frühjahr ihren Schreibtisch. Der Job "machte viel mehr Spaß, als der Markt nach oben ging, oder?" fragt Glossman rhetorisch in ihrer Abschiedsmail.

NEW YORK. Keine Frage, die Arbeit bei den großen Wall-Street-Firmen - einst der Traum vieler Wirtschafts--Studenten - hat an Reiz verloren. Drei Jahre Bärenmarkt sowie die Flaute bei Fusionen und Übernahmen haben ihre Spuren hinterlassen. Überall wird gespart und gestrichen. Der Finanzdatendienstleister Thomson Financial schätzt, dass die Zahl der Bankanalysten seit der Spitze des Booms um 30 % gesunken ist. Und keine Bank wagt mehr, das Ende der Talfahrt vorherzusagen.

Wer die x-te Streichungsrunde überlebt hat, nutzt oft die nächste Chance zum Ausstieg. Und selbst mancher Top-Banker, der keinen Rauswurf fürchten muss, packt seine Sachen. Zum Beispiel Barton Biggs. Der Gründer von Morgan Stanley Investment Management und einer der meistgelesenen Marktkommentatoren der Wall Street gründet im Alter von 70 Jahren einen Hedge Fund namens Traxis Partners. Warum seine bisherige Position ihn nicht mehr reizt, verrät Biggs nicht.

Dne Ausschlag gab die jüngste Krise

Anders Judah Kraushaar, jahrelang Chef-Bankanalyst bei Merrill Lynch: "Mein Enthusiasmus ist in den vergangenen Monaten geschwunden, und ich habe Dinge nie gerne mit halbem Herzen gemacht", schreibt er in einer Mail an Kunden. Wie Kraushaar selbst sagt, dachte er bereits seit Jahren über einen Rücktritt nach - den Ausschlag gab jedoch die jüngste Krise.

Eine Mischung aus Jobangst, weniger Einkommen, weniger Ansehen und neuen bürokratischen Hürden verdirbt vielen Bankern die Laune. In vielen Firmen erhalten selbst Top-Banker dieses Jahr keine neuen befristeten Verträge mehr, die feste Bonuszahlungen garantieren. Stattdessen müssen sie abwarten, was am Jahresende übrig bleibt. Besonders betroffen sind die Analysten. Denn die Skandale um Interessenkonflikte stellen ihr Geschäftsmodell in Frage. Bislang bezahlten die großen Banken ihre Analysten aus zwei Töpfen: Zum einen lebten sie von Wertpapierorders, die Investoren stets der Bank geben, deren Research sie besonders schätzen. Zum anderen fädelten Analysten Börsengänge und andere Investmentbanking- Geschäfte ein.

"Diese zweite Einnahmequelle bricht weg", sagt Gagan Sawhney, Partner von Freeman & Co, die Wall-Street-Firmen berät. Denn die US-Behörden machen ernst mit der Trennung von Investmentbanking und Analyse. Dadurch verlieren viele Analysten ihre Existenzgrundlage. Am Donnerstag fielen sechs Analysten von Goldman Sachs der Schlankheitskur im Research zum Opfer. Dabei nimmt die Investmentbank in Kauf, dass sie kurzzeitig kein Anlageurteil zu den Aktien der Medienriesen AOL Time Warner und Walt Disney abgeben kann.

Beliebt ist der Wechsel zu Hedge Funds

Beliebt ist der Wechsel zu einem der kaum regulierten Hedge Funds. Sie erleben derzeit einen Boom und setzen bei ihrer Anlagepolitik beispielsweise sowohl auf steigende als auch auf fallende Kurse. Teams von fünf bis zehn Bankern verwalten oft Milliardensummen. Die Gewinnchancen sind gewaltig. So verdiente der einstige Fidelity-Fondsmanager Jeff Vinik mit seinen Kollegen innerhalb von vier Jahren 858 Mill. $.

"Hedge Funds sind heiß", sagt Mark Rodrigues von der Unternehmensberatung Oliver, Wyman & Co, "gute Leute können dort schnell reich werden, während die Prämien der Investmentbanken stark gesunken sind". Letzteres erfuhr Carlos Asilis, einst US-Chefstratege bei JP Morgan, am eigenen Leib. Da seine Prämie wesentlich niedriger als erwartet ausfiel, kehrte er zum Hedge Fund Vega Asset Management zurück, wo JP Morgan ihn 1999 abgeworben hatte.

Ein anderes Auffangbecken für frustrierte Banker sind kleine Investmentboutiquen. "Ein Händler bekommt dort höhere Beteiligungen an den Umsätzen, die er generiert", sagt Berater Sawhney. Während des Booms zählte das nicht, da die nur großen Banken mit ihrer Flut an Börsengängen riesige Volumina und damit Verdienstchancen boten. Doch die Zeiten haben sich geändert.

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