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„Löwen-Doktor“ Löhr macht Kamerun fit

Er ist Mannschaftsarzt Kameruns, war selbst aber noch nie in dem westafrikanischen Land. Er hat die Freudentänze der Kicker miterlebt, aber auch „die größte Katastrophe meines Lebens“: Heinz-Walther Löhr lernte bei seinem Nebenjob vor allem, mit Widersprüchen umzugehen.

dpa KARLSRUHE. Er ist Mannschaftsarzt Kameruns, war selbst aber noch nie in dem westafrikanischen Land. Er hat die Freudentänze der Kicker miterlebt, aber auch "die größte Katastrophe meines Lebens": Heinz-Walther Löhr lernte bei seinem Nebenjob vor allem, mit Widersprüchen umzugehen.

"Ich habe mit dieser Mannschaft Dinge erlebt, die viele nie erleben werden", sagt der 60 Jahre alte Sportmediziner und Orthopäde aus Karlsruhe. "Und ich arbeite unter Bedingungen, die nur ein Bruchteil meiner Kollegen mitmachen würden." Löhr verarztete 28 Jahre lang die Spieler des Karlsruher SC, hat dort Toptalente wie Oliver Kahn und Mehmet Scholl betreut und glorreiche Uefa-Cup-Zeiten erlebt. Doch seine Augen leuchten erst richtig, wenn er von seiner Tätigkeit bei den "unzähmbaren Löwen" erzählt. Beim Afrika-Meister von 2002 ist er die rechte Hand von Winfried Schäfer. Als es vor über drei Jahren hieß, dass dieser Nationaltrainer von Kamerun werden soll, rief Löhr seinem langjährigen Weggefährten an. "Ich glaube, du spinnst. Aber wenn es klappt: Nimm' mich mit!"

Löhr war schon vor 30 Jahren "süchtig nach Afrika", als er ein halbes Jahr in einem Buschkrankenhaus in Malawi arbeitete. Von Kamerun kennt er allerdings nur die Nationalspieler, ein paar Funktionäre und seinen Arztkollegen Olivier Assamba. Dieser erledigt die Verwaltungsarbeit, während Löhr nicht nur für die medizinische Betreuung zuständig ist, sondern auch für Ernährung und Psychologie. Zudem spielt der Französisch und Englisch sprechende Mannschaftsarzt oft den Dolmetscher für Schäfer. "Alles läuft über Winnie", erklärt Löhr. Und sein Job ist auch untrennbar mit Schäfers Zukunft verbunden: Falls der in der WM-Qualifikation bisher glücklose frühere Bundesliga-Coach scheitert, fliegt auch Löhr.

Da die Kameruner mit ihren vor allem in Europa spielenden Profis fast nie zu Hause antreten, sich auf Länderspiele immer in Paris vorbereiten und Löhr bei seinen Einsätzen auch auf seine Praxis in Karlsruhe Rücksicht nehmen muss, war er noch nie in dem Land. Wer glaubt, dass er sich irgendwelchen Voodoo-Zauber aneignen musste, der täuscht sich: "Die Mannschaft glaubt nicht so richtig dran." Seine Profis stehen vor allem auf Massage und viel Schlaf zur Regeneration. "Sie hassen Spritzen, nehmen lieber Tabletten - je bunter desto besser." Und sie lieben die Musik: Entweder kleben Kopfhörer auf ihren Ohren oder der Ball an den Füßen - und manchmal beides gleichzeitig.

Und doch räumt Löhr ein, dass "geheimnisvolle Dinge" mitunter eine Rolle spielen. Beim Afrika-Cup 2002 packten die Anhänger Kameruns unter mystischen Beschwörungen die Fahne des jeweiligen Kontrahenten in einen Sarg und trugen ihn singend durchs Stadion am gegnerischen Tor vorbei. "Das hat irgendwie funktioniert, wir haben das Turnier gewonnen", meinte Löhr lächelnd.

Beim Confederations Cup im vergangenen Jahr in Paris erlebte der Mediziner den schlimmsten Moment seines Berufslebens, als der Spieler Marc-Vivien Foé auf dem Rasen zusammenbrach und knapp eine Stunde später starb. Der vergebliche Kampf um sein Leben und die Reaktionen der Mitspieler in der Kabine sind etwas, was Löhr nie aus seinen Gedanken wird verbannen können.

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