Logistikregion Bad Hersfeld
Vorbild bei Gründung von Betriebsräten

Der Gewerkschafter Hans Ries fackelt nicht lange, wenn sich Unternehmer gegen die Gründung von Betriebsräten sträuben. Wer Betriebsratswahlen verhindern will, dem droht der 46-Jährige kurzerhand mit einer Klage.

dpa BAD HERSFELD. "Gegenwehr ist zwecklos", betont Ries. Als Beauftragter des ver.di-Logistikprojektes in Bad Hersfeld hat er innerhalb von knapp zwei Jahren in der Region mit vielen Handels- und Logistikunternehmen fast 30 Betriebsräte initiiert und damit den Gewerkschaften rund 600 neue Mitglieder zugeführt.

Bei Gewerkschaften gilt seine Arbeit, die nun auch auf andere Gebiete wie Kassel und Fulda ausgedehnt werden soll, bundesweit als Vorbild. Nach der anfänglichen Blockade-Haltung der Arbeitgeber im Raum Bad Hersfeld scheint sich das Verhältnis zu den neuen Betriebsräten inzwischen entspannt zu haben. "Es gibt kein Feindbild zwischen Unternehmer und Gewerkschaft", stellt der Betriebsratvorsitzender von Amazon.de, Lothar Bruns, fest.

Angestoßen hatte der ehemalige DGB-Vorsitzende im Kreis Hersfeld- Rotenburg und heutige DGB-Landeschef, Stefan Körzell, das Projekt zur Gründung von Betriebsräten. Die Region Bad Hersfeld hatte sich wegen ihrer günstigen Lage an drei Autobahnen zur Logistik-Drehscheibe entwickelt und große Handelsunternehmen wie Amazon und Libri sowie Speditionen wie German Parcel angezogen. Bei den meisten von ihnen waren die Gewerkschaften aber außen vor.

Um das zu ändern, holte Körzell den 46-jährigen Ries in die Gewerkschaftsarbeit zurück, um ausschließlich Betriebsratswahlen zu organisieren. "Mein großer Vorteil ist, dass ich die Region und die Betriebe kenne", meint Ries, der aus Heringen im Kreis Hersfeld- Rotenburg kommt. Er hatte bei der IG Metall gearbeitet, war aber auch Geschäftsführer einer Firma und Bauarbeiter.

Seine Strategie zur Schaffung von Betriebsräten klingt einfach: "Ich verteile rotzfreche Flugblätter und schreibe knallharte Briefe an die Unternehmer", erzählt Ries. Aber die Arbeitgeber sind auch nicht zimperlich. Sie drohten schon mal ihren Beschäftigen: "Wenn hier ein Betriebsrat kommt, dann wackelt es." Weil Beschäftigte Angst gehabt hätten vor Repressalien ihrer Chefs, "haben wir uns zuerst geheim außerhalb des Hauses getroffen", schildert Joachim Sust, Betriebsratsvorsitzender bei dem Mineralölhändler Dea Lomo in Bad Hersfeld, der Personal abbauen will.

Ries setzt aber nicht nur auf eine harte Gangart, sondern auch auf partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern. "Ich will ja nicht ihr Feind sein." Er mache den Unternehmern klar, dass sie selbst Vorteile von einem Betriebsrat hätten. Das Wissen der Betriebsräte um Probleme im Unternehmen komme den Arbeitgebern zugute, findet er. Das lernten Unternehmer langsam zu schätzen.

Paul Niewerth, der Geschäftsführer des Internet-Händlers Amazon.de mit rund 550 Beschäftigten in Bad Hersfeld, war von der Flugblatt-Aktion vor dem Firmentor im Jahr 2000 keineswegs begeistert. "Aber man hat auf Dauer eh keine Chance, einen Betriebsrat zu verhindern." Mittlerweile sehe er ihn als Partner. "Ich behandele den Betriebsratsvorsitzenden wie einen Manager im Betrieb", sagt Niewerth. Mit Hilfe des neuen Gremiums sind bei Amazon flexible Arbeitszeiten mit Arbeitszeitkonten für Überstunden eingeführt worden.

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