Lohnpolitik ist momentan das größte Konjunkturrisiko
Deutschland: Frühjahrsgutachten der Institute enttäuscht

Guter Rat ist teuer. Das gilt insbesondere für die wirtschaftspolitische Beratung. Denn die Frühjahrs- und Herbstgutachten, die die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute im Auftrag der Bundesregierung erstellen, kosten viel Geld.
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DÜSSELDORF. Aus den beteiligten Instituten treffen sich die Experten für zwei Wochen, um die konjunkturellen Aussichten zu diskutieren. Das an diesem Dienstag veröffentlichte Frühjahrsgutachten ist daher nicht nur teuer. Es ist - gemessen am Ergebnis - auch zu teuer. Denn selten zuvor haben die Institutsökonomen ein inhaltlich so dürftiges Werk vorgelegt wie diesmal.

Dabei ist der Umfang des Gutachtens auf den ersten Blick durchaus beeindruckend. Auf mehr als 80 Seiten lassen sich die Forscher über die Aussichten der deutschen und der internationalen Wirtschaft aus. Für Deutschland prognostizieren sie für dieses Jahr einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 0,9 Prozent und für 2003 eine Beschleunigung auf 2,4 Prozent. Doch wer über die Beschreibung der aktuellen Konjunktur und die Prognose hinausgehende Analysen sucht, wird bitter enttäuscht.

Insbesondere bei der Analyse der Konjunkturrisiken überzeugt das Gutachten nicht. So sehen die Gutachter in steigenden Ölpreisen und einer schwächer als erwarteten Konjunkturerholung in den USA zwar mögliche Gefahren. Doch die Ökonomen offenbaren nur ihre Hilflosigkeit und Unsicherheit: "Es ist durchaus möglich, dass das Tempo der konjunkturellen Erholung in der derzeitigen Phase unterschätzt wird. Es besteht aber auch die Gefahr, dass die Stärke der Erholung überschätzt wird," heißt es.

Um dies festzustellen, bedarf es keines Gutachtens. Zudem mangelt es an einer Analyse, wie sich unterschiedliche Ölpreise oder Wachstumsraten in den USA auf die deutsche Konjunktur auswirken würden. Von den Institutsökonomen hätte man erwartet, dass sie die Aufwärts- und Abwärtsrisiken für ihre Prognose mit Wahrscheinlichkeiten belegen und dem Leser so eine Orientierung geben. Der ist mit den Analysen von Banken und Investmenthäusern besser bedient.

Am meisten enttäuscht jedoch die Stellungnahme der Institute zur Lohnpolitik. Kein kritisches Wort verlieren sie über die aktuelle Tarifrunde. Möglich, dass ihre Meinungsverschiedenheiten ein einheitliches Votum nicht zuliessen. Doch der Lohnpolitik - dem aktuell wohl größten Konjunkturrisiko - im Gutachten gerade mal eine halbe Seite zu widmen, ist ein Armutszeugnis.

Verwundert reibt sich der Leser auch die Augen, wenn er auf die Annahme der Institute für die gesamtwirtschaftliche Lohnsteigerungen in diesem Jahr stößt ("reichlich 2,5 Prozent"). Allein der in der vergangenen Woche vereinbarte Chemieabschluss von 3,6 Prozent und die verhärteten Fronten in der Metallindustrie lassen Lohnabschlüsse von weniger als drei Prozent als reines Wunschdenken erscheinen.

Die Institute haben damit unterschlagen, welche Gefahr für den Aufschwung durch Streiks und überzogene Tarifabschlüsse drohen. Schlimmer noch: Sie wecken bei den Tarifpartnern den Eindruck, der aggressive Kurs in den Lohnverhandlungen könne der Konjunktur nichts anhaben.

Einziger Lichtblick im Gutachten: Die Stellungnahme zur Finanzpolitik. Eindringlich fordern die Institutsvolkswirte den Finanzminister auf, an dem Versprechen fest zu halten, den Haushalt bis 2004 zu konsolidieren. Dazu müsse die Regierung im nächsten Jahr ein Sparpaket im Volumen von rund acht Milliarden Euro schnüren. Dabei seien auch Einschnitte bei den Personalausgaben "nicht zu vermeiden".

Folgt die Regierung dieser Empfehlung, könnte das auch die Institute treffen. Liefern sie nämlich weiter so dürftige Gutachten ab wie diesmal, kann die Regierung auch bei ihnen den Rotstift ansetzen - ohne Schaden für die Prognosequalität.

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