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London brennt vor Angst - oder wie alt ist Tony Blair

"London brennt vor Angst" - wie wäre das als Zeitungsschlagzeile? Der Satz stammt aber aus dem angeblichen arabsichen Bekennerschreiben der "Al Kaida Europa".

"London brennt vor Angst" - wie wäre das als Zeitungsschlagzeile? Der Satz stammt aber aus dem angeblichen arabsichen Bekennerschreiben der "Al Kaida Europa".

Nehmen wir jetzt zum Vergleich ein paar wirkliche Zeitungsschlagzeilen: Etwa den Daily Express, der am Tag nach dem Londoner Anschlag mit einem lapidaren "Bastards" auf der Titelseite erschien. Oder der Daily Mirror: "Bloody but unbowed" - Blutig aber ungebeugt. Viele Zeitungen hatten gar keine richtige Schlagzeile: Etwa die Daily Mail, die vorbildlich objektiv war und gleichzeitig berührend. Ein ganzseitiges Bild, ein schwarzer Rahmen und als Text nur dies: "London 7. Juli 2005. 52 Tote, 700 Verletzte in Englands schwerstem Terroranschlag".

Auf der anderen Seite einige deutsche Zeitungen: "Terroranschläge versetzen London in Schockzustand", schreibt eine Zeitung, in der ich auch den Satz lese: "London versank im Chaos". Oder "London vom Schrecken tief gezeichnet" und "Terror erschüttert London".

Was auffällt ist, wie erschreckend nah diese Überschriften an dem Al Kaida Satz stehen. Liegt es an der deutsche Sprache oder am deutschen Journalismus?

Aufgeschreckt hat mich eine Redakteurin (nicht beim Handelsblatt), die wollte, dass ich noch ein bisschen mehr Gefühl in meine Berichterstattung bringe. Dabei ging alles darum, wie die Londoner an diesem Tag um Sachlichkeit kämpften. Statt im Chaos zu versinken, war die Stadt von vielen verschiedenen Szenen geprägt. Sah man in die eine Richtung, stand da der zersprengte Bus hinter den Absperrungen der Polizei. Drehte man sich auf die andere Seite um: Normaler Verkehr, Menschen, die zur Arbeit gehen oder Einkaufen. Es gab unbeschreibliche Szenen des Schreckens -. für ganz wenige. Es gab Pflichterfüllung und Gelassenheit für viele. Es gab Millionen, die einfach versuchten, ihr Leben weiter zu leben und deren größte Sorge war, wie sie nach Hause kommen sollten.

Und über allem steht eine große Klammer: Sachlichkeit, die Entschlossenheit, das Leben nicht von einem Schockerlebnis bestimmen zu lassen.. Das ist normal für alle Menschen, aber ganz besonders die Briten. Denn Emotionen gehören bei ihnen vor allem auf den Sportplatz. Es gibt im Journalismus eine feine Linie zwischen dem, zu berichten, was wir sehen, zitieren, was andere sagen und an der Emotionalisierung der Geschichten selbst aktiv mitzuarbeiten.

Es hat auch etwas mit der Entfernung zu tun. Am Tag des Anschlags fast zwei Dutzend Telefonanrufe und Emails aus Deutschland von Leuten, die wissen wollten, ob ich noch lebe. In London rechneten nur wenige meiner Freunde damit, dass ich betroffen war. Ein Kollege rief an - aber er fragte, ob ich am Abend zu einem Termin gehen würde, auf dem wir uns verabredet hatten. Selbstverständlich ging er davon aus, dass ich überlebt hatte.

Je weiter man weg ist, desto mehr wird die Wirklichkeit durch Phantasie ersetzt. Oder Klischees. Es wächst das Bedürfnis, die Dinge griffiger zu machen. Pauschaler. "Kein Regierungschef ist in seiner Amtszeit so schnell gealtert wie Tony Blair" - lese ich da. Dabei sah Blair am Morgen des Anschlags frischer und fröhlicher aus, als seit langem. Natürlich stand ihm dann der Schock des Anschlags, die Verantwortung im Gesicht. Aber genau betrachtet, sieht Blair genau so aus, wie ein Mann seines Alters eben aussieht. Eher jünger. Das kann ich bestätigen, wenn ich in den Spiegel sehe.


Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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