London gilt als Übernahmeziel
Frankfurt und Euronext preschen in Europa vor

Die Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft kommt voran. Vorreiter der lange erwarteten Konzentration der rund 30 Aktienmärkte in Europa sind die Deutsche Börse AG in Frankfurt und die französisch-holländisch-belgische Gemeinschaftsbörse Euronext. London gilt dagegen als potenzielles Übernahmeziel.

FRANKFURT. Irgendwie kommt Werner Seifert, Chef der Deutschen Börse AG, regelmäßig um den Genuss einer ruhigen Weihnacht. Im vergangenen Jahr bereitete er den Börsengang vor, in diesem Jahr stecken die Frankfurter mitten in den Verhandlungen über die milliardenschwere Übernahme des Abwicklers Clearstream. Bis Ende Januar will die Börse die Übernahme jener 50% von Clearstream, die ihr noch nicht gehören, in trockenen Tüchern haben.

Indes ist Seifert nicht der einzige Börsenchef mit Expansionsdrang. Jean-Francoise Theodore, Chef der Dreiländerbörse Euronext, hat bereits zweimal zugeschlagen: Zuerst schluckte Euronext die britische Terminbörse Liffe, jetzt steht die Fusion mit der portugiesischen Börse auf dem Programm. Und die Nasdaq Europe plant derweil eine strategische Allianz mit der Berliner Börse.

Die Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft kommt damit schneller voran, als Experten nach dem Scheitern der Fusion von Frankfurt und London zur Superbörse IX im Herbst 2000 geunkt hatten. Allerdings hat sich das Modell geändert. Statt einer paneuropäischen Superbörse, wie sie Fachleute eine Zeit lang favorisiert hatten, sei eher die "Bildung eines Oligopols einiger weniger großer Börsen" zu erwarten, schreibt die Bayerische Landesbank (BayernLB) in einer Studie. Auch andere Finanzmarktfachleute glauben, dass Banken und Broker kein Interesse daran haben, sich plötzlich einem Börsenmonopolisten gegenüber zu sehen, der ihnen die Handelsgebühren nach Belieben diktieren könnte.

Als zweiter Trend im Börsengeschäft kristallisiert sich nach Meinung der BayernLB heraus, dass Kassa- und Termingeschäft zunehmend aus einer Hand angeboten werden. Bestes Beispiel ist die Deutsche Börse mit ihrer 50%igen Beteiligung an der weltgrößten Terminbörse Eurex. Der Versuch, die Position im Derivategeschäft mit der Übernahme der Liffe noch weiter auszubauen, scheiterte allerdings.

Für die Londoner Börse sieht es schlecht aus

Im Bieterwettstreit um Liffe unterlag Frankfurt vor wenigen Wochen Euronext. Die Dreiländerbörse will nun ihr eigenes Termingeschäft mit der Liffe bündeln und sich damit ebenfalls als starker All-Round-Anbieter etablieren. Dagegen sieht es für die Londoner Börse (LSE)schlecht aus, die sich ebenfalls vergeblich um die Liffe bemüht hatte. Als einzige der drei großen europäischen Börsen hat die LSE keinen Derivathandel. Mittlerweile gilt sie sogar als potenzielles Übernahmeziel - etwa für die Deutsche Börse.

Die Frankfurter gehen jetzt aber erst einmal daran, mit der Übernahme von Clearstream die Wertschöpfungskette weiter auszudehnen. Sollte der Deal durchgehen, woran Experten kaum noch zweifeln, würde Frankfurt neben dem Kassa- und Terminhandel auch die Abwicklung von Wertpapiergeschäften kontrollieren. Diese vertikale Integration, im Börsenjargon auch als "Silo-Struktur" ist genannt, findet bei Analysten Anklang. So glaubt die Deutsche Bank, "dass die Kombination verwandter Geschäfte die Entwicklung neuer IT-Lösungen" erleichtert.

Doch birgt die Clearstream-Übernahme auch Risiken. Zum einen gerät die Börse noch stärker ins Blickfeld der Europäischen Kommission, der die nationalen Abwicklungsmonopole in Europa ohnehin ein Dorn im Auge sind. Zudem werden Befürchtungen laut, dass die gerade angelaufene Bereinigung der europäischen Börsenszene nach der Übernahme wieder ins Stocken gerät.

Die Sorge: Die Börse könnte wegen der starken Integration der verschiedenen Geschäftsbereiche das Interesse an paneuropäischen Zusammenschlüssen in einzelnen Sparten - etwa der Abwicklung - verlieren und völlig auf einen Alleingang setzen. Die Analysten von Merrill Lynch vermuten, "dass sich die Konsolidierung der großen europäischen Börsen verlangsamen könnte".

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