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Londoner Börse gerät ins Abseits

Mit ihre Niederlage im Bieterwettkampf um den Terminmarkt Liffe ist die Londoner Aktienbörse LSE für viele Experten ins Abseits geraten.

rtr FRANKFURT/LONDON. Börsenkenner sind sich einig, dass im Rennen um die Vormachtstellung in der europäischen Börsenlandschaft nur derjenige gute Chancen hat, der zumindest Termin- und Kassamarktgeschäfte aus einer Hand anbietet. Doch mit der Übernahme der London International Financial Futures and Stock Exchange (Liffe) durch die Dreiländerbörse Euronext wird kein großer europäischer Derivate-Markt mehr für die London Stock Exchange (LSE) übrig bleiben. Experten halten es daher für gut möglich, dass es zu einer Neuauflage der Fusionspläne von LSE und Deutscher Börse AG kommen könnte.

Für viele überraschend hatte sich die Liffe für das Übernahmeangebot der aus den Märkten Paris, Brüssel und Amsterdam entstandenen Börse Euronext entschieden. Der Dreiländermarkt hatte dem Vernehmen nach nicht nur die höchste Bar-Offerte auf den Tisch gelegt, sondern zudem angeboten, das Liffe-Handelssystem "Connect" zu übernehmen und das gesamte Derivate-Geschäft der neuen Gesellschaft nach London zu verlegen.

Damit warf der französisch-belgisch-niederländische Marktbetreiber auch die Deutsche Börse AG aus dem Rennen um die Liffe, die aber Branchenkennern zufolge ohnehin nie als Favorit in dem Bieterwettkampf galt. Mit ihrer 50-Prozent-Beteiligung an dem nach Anzahl der Kontrakte weltgrößten Terminmarkt Eurex habe die Deutsche Börse die Liffe allerdings auch nicht annähernd so nötig gebraucht, wie die LSE, hieß es bei Analysten.

Die Deutsche Börse hatte nie bestätigt, am Bieterreigen um die Liffe beteiligt zu sein und wollte auch den Ausgang des Wettstreits nicht kommentieren. Ebenso schweigsam reagierte der nach eigener Marktkapitalisierung größte europäische Börsenbetreiber auf die Frage nach einem möglichen neuen Anlauf zur Fusion mit der LSE. Doch aus dem Umfeld der Frankfurter Gesellschaft waren dazu recht klare Hinweise zu vernehmen: "Die Londoner leben immer noch in ihrer Dominion-Welt und merken gar nicht, dass sie nicht mehr die Größten sind", sagte ein Kenner mit Blick auf die Isolation der LSE, zumindest was Derivate angeht. Der Versuch der Börsen in London und Frankfurt, sich zum größten europäischen Aktienmarkt iX zusammenzuschließen, war im vergangenen Jahr an Vorbehalten der LSE-Aktionäre gescheitert.

Nach Ansicht von Börsenexperten bleibt der LSE nun kaum mehr etwas anderes übrig, als sich nach einem Partner umzusehen. Ganz oben auf der Liste der potenziellen Interessenten steht nach wie vor die Deutsche Börse AG, aber auch die Plattform virt-x, der schwedische Marktbetreiber OM Gruppen und natürlich Euronext gelten als Kandidaten für eine Zusammenarbeit oder gar Fusion mit den Londonern. "Mittelfristig möchte ich das nicht ausschließen", sagte Börsen-Analyst Alexander Hendricks von der Deutschen Bank mit Blick auf ein iX-Comeback.

"Mittlerweile sind beide Unternehmen am Kapitalmarkt notiert und mehr vom Shareholder-Value-Gedanken getrieben", fügte er in Anspielung auf die emotionalen und nationalen Schranken hinzu, die noch vor einem Jahr die deutsch-britischen Fusionsträume hatten platzen lassen. "Jetzt zählen mehr wirtschaftliche Aspekte."

Viele Börsenkenner halten es jetzt für gut möglich, dass iX wieder aktuell werden könnte. "iX ist ja nie tot gewesen. Es war nur politisch nicht mehr opportun, damit nach außen zu gehen", verlautete aus Kreisen nahe der Frankfurter Börse. "Manchmal ist die Zeit halt noch nicht reif und dann muss nur irgendein Druck entstehen", hieß es weiter mit Blick auf die neuen Verhältnisse nach dem Liffe-Zuschlag für Euronext. "London wird aus dem Schlaf erwachen und erkennen, dass die Stärke nicht mehr da ist." Die nach Marktkapitalisierung der gelisteten Firmen größte europäische Aktienbörse habe sich in eine schwierige Situation gebracht, da sie nun gemessen am eigenen Firmenwert und der strategischen Attraktivität der Deutschen Börse und Euronext unterlegen sei. Insofern könnte sie in einem Fusionsspiel möglicherweise auch nur noch als Juniorpartner am Tisch sitzen. "Da gibt es nicht mehr viele Optionen", sagte eine Analystin.

Ob und mit welchem anderen Marktbetreiber sich die LSE auch zusammentun wird, in einem Punkt zeigten sich die meisten Branchenkenner einig: ohne Terminmarkt, Clearing und international anerkanntes Handelssystem sehe die ehrwürdige London Stock Exchange neben ihren Rivalen Deutsche Börse und Euronext mittlerweile "ziemlich alt" aus. Bereits seit längerem gilt der Wettstreit um die Nummer eins unter den europäischen Märkten als Konkurrenzkampf der Systeme. Die Marktteilnehmer fordern vehement ein einheitliches Handelssystem und günstigere Konditionen vor allem für grenzüberschreitende Transaktionen.

Die Frankfurter Börse hat längst mit Versuchen begonnen, Liquidität aus anderen Märkten auf ihr als sehr konkurrenzfähig geltendes Handelssystem Xetra zu ziehen. "Man muss über die Abwicklung gehen, dann ist das Zusammenrücken der Börsen ein Kinderspiel", hieß es dazu am Finanzplatz Frankfurt.

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