Londoner Massenmedien titeln: "Folter": US-Haftbedingungen in der Kritik

Londoner Massenmedien titeln: "Folter"
US-Haftbedingungen in der Kritik

"Schauen Sie sich doch mal die Zustände in Ihren eigenen Gefängnissen an, sind die etwa besser?", fragt der Londoner Korrespondent der "Washington Post" den Moderator einer BBC-Talkshow provokativ. Beim Thema der Behandlung von politischen Gefangenen geht es zur Zeit zwischen den Verbündeten USA und Großbritannien emotional hoch her.

dpa LONDON. Während die Londoner Massenmedien in großen Lettern "Folter" auf ihre Titelseiten schreiben und von Bildern über die "wie Tiere" gefesselten und maskierten Gefangenen von Guantánamo Bay gar nicht genug bekommen können, hält sich die Regierung von Tony Blair offiziell diplomatisch zurück.

Hinter den Kulissen ist man "wütend"

Hinter den Kulissen, so wird aus informierten Kreisen berichtet, sind Blair und sein Außenminister Jack Straw allerdings "wütend" über die mangelnde Sensibilität, die US-Präsident George W. Bush und sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei der Behandlung der Taliban- und El-Kaida-Gefangenen zeigen. Blair habe in der Angelegenheit zahlreiche Telefonate mit Bush geführt, sei aber auf "Unverständnis" gestoßen, heißt es. Die "Times" (Montagausgabe) sieht deutliche Anzeichen dafür, dass der "Streit um Camp X-Ray" zum Ende des politischen Schulterschlusses zwischen London und Washington bei der Terrorismus-Bekämpfung führen könnte.

Die Briten stehen mit ihrer Kritik keineswegs allein. So findet die niederländische Zeitung "de Volkskrant" die Haltung der USA "dumm", den Eingeschlossenen den Status als Kriegsgefangene zu verweigern. Die spanische Zeitung "El Mundo" fühlt sich bei den Bildern aus Kuba sogar an "Folterzentren in Osteuropa während des Kalten Krieges" erinnert.

"Anti-Amerikanismus wird noch gefördert"

Aus britischer Sicht laufen die USA "und damit die gesamte zivilisierte Welt Gefahr, den "moralischen Führungsanspruch" zu verlieren, schreibt die "Daily Mail." Die Labour-freundliche Zeitung "The Mirror" wirft Washington "Wild-West-Justiz" vor und warnt: "Die USA erwecken den Eindruck, dass ihre Feinde "minderwertige Menschen" sind. Damit werden Anti-Amerikanismus und Terrorismus nur gefördert." Die Spannungen zwischen den Verbündeten kommen für Blair zu einer höchst ungünstigen Zeit. Linke Labour-Abgeordnete und Hinterbänkler fordern von ihm, gerade in "moralischen Gewissensfragen" Führung zu zeigen. Das mache schließlich die viel gepriesene "missionarische Qualität" des Premierministers aus, sagte einer von ihnen.

Die breitere Bevölkerung ist momentan ohnehin nicht gut auf den Regierungschef zu sprechen, der sich nach ihrer Meinung zu viel auf dem internationalen Parkett bewegt und dringende innenpolitische Probleme - wie die Bahn und das Gesundheitssystem - schleifen lässt. Jetzt, wo der Jubel über die militärische Vertreibung des Taliban- Regimes verflogen ist, braucht Blair nichts dringender als einen Erfolg - ob nun zu Hause oder an der internationalen Front. In der Frage der Behandlung der Gefangenen wird er überdeutlich gedrängt: "Wir müssen uns davor hüten, den Feinden der Anti-Terror-Koalition in die Hände zu spielen", sagte Donald Anderson, Vorsitzender des einflussreichen außenpolitischen Ausschusses des Unterhauses.

Angst vor Aufruhr in britischen Städten

Unausgesprochen steht hinter der lautstarken Diskussion die Angst, dass die Bilder von Guantánamo auf den Straßen britischer Städte zu einer weiteren Radikalisierung führen können. Denn auf "Camp X-Ray" sind auch drei junge britische Moslems eingeschlossen. "Die USA tun der moslemischen Gemeinschaft einen großen Gefallen, sie bringt sie nämlich enger zusammen", sagte Menschenrechtsanwalt Mohammed al- Massari. Peter Fahy, der bei der Gewerkschaft britischer Polizeibeamter für Rassenbeziehungen zuständig ist, warnte: "Die Bitterkeit und Entfremdung unter jungen Moslems ist seit dem 11. September gewachsen."

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