Lothar Späth: So seh ich es
Ostersonntag in Guangzhou

Eindrücke aus China: Europa ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, während andernorts die Märkte der Zukunft boomen.

Ostersonntag in Guangzhou, der Metropole im Süden Chinas am Perlfluss mit 12 Millionen Einwohnern - inoffiziell spricht man sogar von 14 bis 17 Millionen. Ich bin an diesem Tag mit einem mittelständischen Unternehmer aus dem deutschen Südwesten unterwegs. Er hat bereits vor langer Zeit seine Zelte hier in der Tax-free-Zone aufgeschlagen, um Komponenten für seine Maschinen zu fertigen und Wartungsarbeiten zu erledigen. Aus dieser steuerfreien Zone kann er den ganzen ostasiatischen Markt versorgen.

Weil ich mir im Interesse anderer deutscher Mittelständler in den vergangenen Tagen verschiedene Bauplätze in Peking und Schanghai angesehen habe, bleibt jetzt nur der Ostersonntag. "Kein Problem", war die Antwort auf meine Bedenken wegen des hohen Feiertags. Die Mitarbeiter sind da, und auch der Oberbürgermeister nimmt sich am Abend mit den Fachleuten aus der Verwaltung trotz Parteikongress Zeit für ein Gespräch.

Am Morgen geht es zum Bauplatz, auf dem in nur vier Monaten eine Produktions- und Wartungshalle mit Büros entstanden ist, die bald erweitert werden soll. "Ich habe in dieser Region schon dreimal so viele Aufträge wie in Deutschland", sagt der Unternehmer, während wir zusehen, wie Fertigstellungsarbeiten durchgeführt werden. Und weil alles gut läuft, hat der Mittelständler schon einen weiteren Platz für eine Produktionsstätte ins Auge gefasst - diesmal in der Nansha-Development-Zone direkt am Perlfluss. "Lass uns schnell noch hinfahren", schlägt er vor, eine knappe Stunde auf der gerade fertig gestellten Autobahn, vorbei an unzähligen Großbaustellen. Unter ihnen fällt mir eine besonders große auf: Eine neue Universität für 20 000 Studenten. Geplante Bauzeit: 18 Monate.

Ein neues Fabrikgebäude, das wir sehen, wird gerade durch Aufschüttung dem Fluss und Meer entrissen. Toyota kommt und viele andere aus aller Welt. Es gibt immer mehr qualifizierte Arbeitskräfte und auch viele junge Unternehmer, die gute Zulieferbetriebe aufgebaut haben und zuverlässige Geschäftspartner sind. Kann ich einen Betrieb sehen - am Sonntag? "Kein Problem", sagt der China-Chef aus dem deutschen Südwesten. "Ich rufe an."

Kleiner Imbiss. Das nahe gelegene Ausflugslokal ist nur mäßig besetzt. Zwei Stunden später deutet sich an warum. Selbst am Sonntag um 15.30 Uhr sind alle 20 Angestellten, Frauen wie Männer, beim Schleifen, Schweißen und Verschrauben der schweren Metallteile. Aber in Peking hat man mir doch gesagt, dass die 40-Stunden-Woche verbindlich sei. "Richtig", sagt der Unternehmer. "Aber bei einem 15-Prozent-Zuschlag können diese 40 Stunden auch Samstag und Sonntag geleistet werden." Das macht dann für den Facharbeiter statt 250 Euro Monatslohn 290 Euro. Und die Leute wollen diesen Zusatzverdienst. Sie kaufen sich dafür einen Kühlschrank oder eine Waschmaschine, sparen für die Eigentumswohnung oder ein Auto.

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