Louis Camilleri wird heute neuer Vorstandsvorsitzender
Philip-Morris-Chef: Weltgewandter Kettenraucher

Auf der Hauptversammlung in Richmond, Virginia, einer Stadt im Herzen der Südstaaten, können ihn die Aktionäre zum ersten Mal in der Rolle des Vorstandschefs erleben: Louis Camilleri, bisher Finanzvorstand von Philip Morris, tritt heute die Nachfolge von Geoffrey Bible an der Spitze des Tabak- und Lebensmittelkonzerns an. Bible wird bis August Chairman bleiben und dann in den Ruhestand gehen.

NEW YORK. Camilleri übernimmt ein schwieriges Amt. Erst vor drei Jahren hat sich die US-Tabakindustrie mit den Bundesstaaten geeinigt, insgesamt mehr als 200 Milliarden Dollar über 25 Jahre zu zahlen. Und die Hersteller sind weiterhin unter Beschuss von Seiten der starken Anti-Tabak-Lobby in den USA und der Weltgesundheitsorganisation. Außerdem haben die Tabakriesen mit Milliardenklagen von Ex-Rauchern und deren Angehörigen, Versicherungen und Regierungen zu kämpfen.

Und so werden zu der Hauptversammlung nicht nur glückliche Aktionäre anreisen, die dem Konzern für hohe Dividenden und einen Kursanstieg von 140 Prozent innerhalb von zwei Jahren dankbar sind. Auch die Gegner der Tabakindustrie haben mobil gemacht. Sie werfen Philip Morris vor, mit dem Namenswechsel in Altria, über den auf der Hauptversammlung abgestimmt wird, nur von den schädlichen Produkten ablenken zu wollen.

Camilleri gehört mit seinen 47 Jahren zu den jüngsten Chefs von multinationalen Unternehmen. Der Kettenraucher (Marlboro Ultralights) hat über die Jahre Erfahrung in dem internationalen Lebensmittel- und Tabakgeschäft von Philip Morris gesammelt und sich den Ruf eines Diplomaten erarbeitet. Mit seiner etwas sanfteren Art gilt er als Gegenpart zu dem rauen Geoffrey Bible. Nach Ansicht von Marktbeobachtern und Kollegen ist er bestens geeignet, die vor ihm liegenden Herausforderungen zu meistern.

Fokus auf Übernahmen und Fusionen

Camilleri, der wesentlich an dem Kauf des Keks- und Cracker-Herstellers Nabisco vor zwei Jahren beteiligt war, hat erklärt, dass er das Geschäft von Philip Morris vor allem durch Zukäufe außerhalb der USA stärken will. Von weniger wachstumsstarken Bereichen wie der Bier-Tochter Miller will er sich trennen. Und an seinem neu ernannten Management-Team ist zu erkennen, dass er es ernst meint: Die meisten seiner Helfer haben einschlägige Erfahrung in Übernahmen und Fusionen.

In den 90er-Jahren hat der Manager mit britischem Pass, der fließend Englisch, Französisch und Italienisch spricht, dabei geholfen, die neuen Märkte in Osteuropa zu erobern. Eine wenig rühmliche Episode aus der Zeit ist ein Brief von ihm an den polnischen Landwirtschaftsminister. Darin schrieb Camilleri, dass ein geplantes Werbeverbot den Verbrauchern wichtige Informationen vorenthalten sowie den Staat und die Medien erhebliche Umsätze kosten würde. Auch die Einschränkungen für das Rauchen am Arbeitsplatz kritisierte er damals als "unnötig streng".

Heute schlägt Camilleri sanftere Töne an. In den USA verzichtet Philip Morris schon lange auf Plakatwerbung. Statt Konfrontation sucht der Konzern jetzt den Dialog und will sich als verantwortungsbewusstes Unternehmen darstellen.

Konzernlenker mit gutem Zahlengedächtnis

Camilleri will in seinem neuen Job als Vorstandsvorsitzender nah am Geschehen sein. Dass er bisher noch keinen Vorstand für das operative Geschäft (Chief Operating Officer) ernannt hat, gilt als klares Zeichen, dass er sich nicht damit begnügt, die großen Strategien zu entwickeln, sondern stärker als andere Konzernlenker in das tägliche Geschäft eingreifen will.

Mit Zahlen kennt sich der ehemalige Finanzchef ohnehin aus. Analysten sind beeindruckt, dass er fast jede wichtige Zahl im Kopf hat. Auch bei der Diskussion um die deutschen Zigarettenautomaten beeindruckte er mit seinem Detailwissen. "Es scheint keine Daten zu geben, die er nicht kennt", erinnert sich ein Investmentbanker.

Einige Investoren hoffen, dass er seine Finanzkenntnisse zur Kurspflege einsetzt. Ein Aktienrückkaufprogramm oder Verkäufe von Unternehmensteilen könnten die Hausse der Philip-Morris-Aktie ebenso verlängern wie die Trennung des Lebensmittelgeschäfts vom Kerngeschäft Tabak. Bereits im vergangenen Jahr hat Philip Morris 15 Prozent von Kraft Foods erfolgreich an die Börse gebracht. Eine völlige Abspaltung steht bisher jedoch nicht auf seiner offiziellen Agenda.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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