LTU-Chef Sten Daugaard will bei der Fluggesellschaft retten, was noch zu retten ist
Sten Daugaard: Der eiserne Sanierer wider Willen

Er hat auf einem Schleudersitz Platz genommen. Sten Daugaard soll den Ferienflieger LTU wieder in die Gewinnzone steuern. Aber die Zeit läuft ihm davon.

DÜSSELDORF. Einsam und verlassen steht der rot-weiße Flieger derzeit im Hangar, verbeult und mit großen Lecks im Tank. Jetzt soll Sten Daugaard den einst so erfolgreichen Senkrechtstarter LTU wieder flottmachen und in die Luft bringen. Dazu hat der 44-jährige Däne nicht viel Zeit, vor allem nicht viel Geld. Aber er versucht, bei der ehemaligen Nummer eins der Ferienflieger zu retten, was noch zu retten ist.

Schon etliche Managerkollegen haben sich mit dem Schleudersitz aus dem Cockpit der Fluggesellschaft verabschiedet: Zuletzt Peter Fankhauser. Der 40-Jährige räumte im Mai überraschend seinen Posten als LTU-Chef und wechselte in den Vorstand der Thomas Cook AG (vorher C&N Touristic). Finanzchef Daugaard sprang daraufhin ein und übernahm den Steuerknüppel. Seitdem hat er in der Düsseldorfer Zentrale unweit des Flughafens den Spitznamen "Eisenfresser".

Auf den ersten Blick mag das stimmen: Er ist ein kompakter, bärtiger Mann, der gerne mal im offenen Hemd und mit hoch gekrempelten Ärmeln daherkommt. Und er polterte, frisch auf dem Chefsessel, ja auch umgehend los: Er legte sich mit Personalvertretern an, räumte bei der Organisation des Flugbetriebs auf und wollte die LTU-Crews nicht mehr in den teuersten Hotels absteigen lassen.

Auf den zweiten Blick wirkt Daugaard nicht annähernd so gefährlich. Er ist gelernter Bankkaufmann, kommt aus Kopenhagen, ist verheiratet und hat vier Kinder. "Ich bin nicht knallhart, nur konsequent", sagt er fast schüchtern. Bis auf weiteres habe er einfach keine andere Wahl, als den harten Hund zu spielen.

Die Lage ist brenzlig. Die Finanzen der LTU sind unter seinen Vorgängern - mit freundlicher Unterstützung der Gesellschafter West LB und der Schweizer SAir-Group - derart aus dem Ruder gelaufen, dass im kommenden Frühjahr eine weitere Kapitalspritze her muss. Sonst fliegt das 1955 gegründete Lufttransport-Unternehmen, das Ende der achtziger Jahre in Deutschland zur Nummer zwei hinter Lufthansa aufstieg, in die Pleite. Im Alleingang kann Daugaard die Wende jedoch nicht mehr schaffen.

Der Betriebswirt an der LTU-Spitze setzt den Kurs seines Vorgängers Fankhauser fort, den Konzern deutlich zu verschlanken: Er hat die Kapazitäten reduziert, das Flugangebot um 14 Prozent ausgedünnt und dadurch die Auslastung in diesem Sommer auf fast 90 Prozent gesteigert - ein gutes Ergebnis. "Im Unterschied zu Sabena oder anderen Swissair-Beteiligungen haben wir den Boden erreicht und versuchen, neu zu starten", verkündet er kämpferisch. Die LTU liege derzeit weit besser als im Sanierungsplan vorgesehen. Die Überlebenschancen schätzt er inzwischen als "sehr gut" ein.

Daugaards größte Bewährungsprobe steht aber noch aus: Im nächsten Frühjahr muss er mit seinen Piloten hart über einen neuen Tarifvertrag verhandeln. Den alten hat die Vereinigung Cockpit für Ende März 2002 aufgekündigt. Der hohe Lufthansa-Abschluss in diesem Frühsommer erschwert die Gespräche. Daugaard wird also nicht nur als Sanierer, sondern auch als Politiker gefordert.

Bisher gilt der Däne vor allem als Finanzexperte. Er war in verschiedenen Funktionen für die Den Danske Bank in den USA tätig, wurde später Vorstandsmitglied der Frankfurter Bodenkreditbank und wechselte 1992 als Finanzdirektor in den Vorstand des Elektronikunternehmens ITT in Frankfurt. Fünf Jahre später landete er bei der SAir-Group erstmals im Airline-Geschäft. Mit dem Expansionswahn der Schweizer, der auch für die 49,9-prozentige Tochter LTU im Desaster endete, will Daugaard allerdings nicht in Verbindung gebracht werden: "Ich habe dort Geld beschafft, aber keins ausgegeben", sagt er fast entschuldigend.

Das wird sich künftig kaum ändern. Schwarze Zahlen erwartet er erst in drei Jahren, falls die Investoren durchhalten. So lange stehen Daugaards Hobbys nur auf dem Papier: Er möchte mal wieder surfen und Golf spielen. "Als Sanierer hast du keine Chance, dein Handicap zu verbessern," sagt er. Schon gar nicht, wenn die Handicaps in der Firma so groß sind.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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