LTU sucht neuen Gesellschafter
Swissair fliegt nicht mehr

Die angeschlagene Schweizer Fluggesellschaft Swissair Group hat am Dienstag Nachmittag aufgrund von Liquiditätsproblemen den Flugbetrieb vorerst eingestellt.

rtr/afp ZüRICH. "Flugbetrieb der Swissair wurde um 12.30 Uhr MEZ suspendiert, teilte Swissair mit. Zuvor hatte die Gesellschaft, die am Vortag eine drastische Sanierung und einen Antrag auf Gläubigerschutz (rechtlich Nachlassstundung) angekündigt hatte, schon die Abflüge von Zürich an eine ganze Reihe von europäischen Destinationen verschoben. Swissair hat offenbar Liquiditätsprobleme, die möglicherweise technischer Natur sind. "Die Swissair verhandelt intensiv mit den Banken, um den Weiterbetrieb der Flugoperationen zu gewährleisten," erklärte die Gesellschaft.

In London wurden zunächst Flugzeuge beschlagnahmt, weil Swissair mit der Bezahlung von Gebühren im Rückstand sei, sagte eine Sprecherin des Flughafenbetreibers in London. Ein Flugzeug wurde mittlerweile wieder freigegeben.

Auf dem Flughafen Zürich hiess es bei einem Treibstofflieferanten, die Swissair erhalte in Zürich Flugbenzin nur noch gegen Vorkasse. Flugzeuge, die noch von Zürich abgeflogen waren, sollte zunächst auf ihren Zielflughäfen bleiben, sagte ein Swissair-Sprecher.

Als Teil des Sanierungsplanes hatten die Schweizer Grossbanken der Swissair am Vortag als Sofort-Hilfe einen Kredit 250 Mill. sfr zur Aufrechterhaltung des Betriebes zugesagt. Es könne Beobachtern zufolge sein, dass es bei der Auszahlung dieses Kredites technische Probleme gab.

Gegen 15.15 hiess es in einer Lautsprecheransage in der Abflughalle des Zürcher Flughafens: "Meine Damen und Herren, die Flüge verzögern sich noch; Swissair wartet auf Geld einer Grossbank". In der Abflughalle warteten einige Hundert Passagiere, die aber zunächst überwiegend Verständnis für die Lage der Swissair bekundeten. Es waren aber auch Unmutsäusserungen zu hören. Gegen 16.00 Uhr habe die Stimmung aber immer mehr in Nervosität und Verärgerung umgeschlagen, erklärten Beobachter.

Bis Ende Oktober soll die Regionalfluggesellschaft Crossair zwei Drittel des Swissair-Fluggeschäfts übernehmen und weiter betreiben. Für den Analysten Thomas della Casa von der Deutschen Bank (Schweiz) war es aber fraglich, ob die Sofort-Hilfe für die Swissair bis Ende Oktober ausreiche. "Ich gehe davon aus, dass es weniger als bis Ende Monat ist", sagte er. Crossair war bis Dienstag eine 70-prozentige Tochtergesellschaft der Swissair. Das Paket wurde im Zuge der Konzernumbaus für 260 Mill. sfr von den beiden Schweizer Grossbanken übernommen.

Die Gewerkschaften kündigten für Mittwoch Mittag eine Protestversammlung am Hauptsitz der Swissair am Balsberg an. Laut Richard Dunkel, Vorsitzender der Personal Union SAir Holding (PUSH) seien weltweit bis zu 10 000 der insgesamt 72 000 Stellen gefährdet. Allein 4 000 könnte in der Schweiz gestrichen werden. "Die Mitarbeiter sind sehr beunruhigt, weil niemand weiss, welche Unternehmensteile in Nachlassstundung und welche Bereiche zur Crossair gehen," sagte Dunkel. Die Swissair hatte einen Abbau von 2650 Arbeitsplätzen angekündigt.

Swissair wird wahrscheinlich auch am Mittwoch den Flugbetrieb suspendiert halten. Auf die Frage, ob Swissair-Flugzeuge am nächsten Tag wieder fliegen würden, sagte Swissair-Chef Mario Corti am Dienstag Abend in einem Fernseh-Interview: "Ich glaube nicht". Eine ganze Flugzeugflotte lasse sich nicht wie auf Knopfdruck wieder in Gang bringen.

Die rund 63 000 Swissair-Aktionäre müssen nach Ansicht der Zürcher Kantonalbank mit einem Totalverlust rechnen. "Die Aktien werden bei einer Wiederaufnahme des (Börsen)-Handels gegen Null tendieren, da mit den Liquitationserlösen wahrscheinlich nicht einmal die Schulden zurückbezahlt werden können und dementsprechend für die Aktionäre nichts mehr übrig bleibt, hiess es in einem Börsenkommentar der Zürcher Kantonalbank. Die Swissair-Anleihen im Gesamt-Nominalwert von 4,4 Mrd. sfr dürften höchstens noch zum Teil zurückgezahlt werden. Die Aktien und Anleihen von Swissair und Crossair blieben auch am Dienstag vom Handel suspendiert. Nach Angaben von Börsensprecher Leo Hug ging bis gegen Mittag kein Antrag auf Verlängerung der Handelsaussetzung für Swissair und Crossair bei der Börse ein.

Die belgische Sabena drohte mit einer Klage gegen die Swissair, Credit Suisse und UBS, nachdem die Swissair die am Montag fällige Zahlung von 200 Mill. sfr an die Sabena nicht leisten will. Sabena prüfe nach eigenen Angaben inklusive Gläubigerschutz alle Überlebnsmöglichkeiten. Die Vormittag-Flüge der Swissair nach Brüssel wurden gestrichen, erklärte ein Swissair-Sprecher.

Industriekreisen zufolge dürfte die Swissair ihren 33,7 %-Anteil am Luftfrachtunternehmen Cargolux verkaufen. Ein Swissair-Sprecher konnte den Verkauf nicht bestätigen.

Die deutsche Swissair-Tochter LTU will trotz des Konzernzusammenbruchs ihren Betrieb planmäßig aufrecht halten. Das Land Nordrhein-Westfalen will dem in Düsseldorf angesiedelten Ferienflieger notfalls mit Bürgschaften in Millionenhöhe helfen. «Wir sind zu einer Bürgschaftsinitiative bereit,» sagte Wirtschaftsminister Ernst Schwanhold (SPD). «Düsseldorf und die LTU zusammen zu halten, ist unser erklärtes Ziel.» Eine Finanzspritze könnte demnach mehr als 200 Mill. DM (102,25 Mill. ?) betragen.

Bei LTU bestehe «keine Gefahr für irgendwelche Flüge», betonte Firmensprecher Marco Dadomo. Für die Zukunft wolle sich das Unternehmen nach einem neuen Gesellschafter umschauen. «Wir werden im Laufe der Monate eine neue Lösung suchen; bis dahin fliegen wir wie geplant weiter.» Die Swissair hält knapp 50 % an der Düsseldorfer Fluglinie. Zweitgrösster Gesellschafter bei LTU ist der Handelskonzern RWE mit einer 40-Prozent-Beteiligung. Auch die von Swissair abgestoßenen französischen Airlines AOM/Air Liberté und Air Littoral sollen weiter fliegen.

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