Lucent besteht auf "Merger of Equals"
Verhandlung zwischen Lucent und Alcatel festgefahren

Die Gespräche über eine Übernahme der Lucent Technologies Inc. durch die Alcatel SA. sind nach Medienberichten wegen Uneinigkeiten über die Struktur der Transaktion ins Stocken geraten.

vwd/dpa NEW YORK. Wie CNBC-Reporter David Faber am Dienstag unter Berufung auf mit den Verhandlungen vertraute Kreise berichtete, bestehe der US-Netzwerkausrüster Lucent in der Endphase der Gespräche darauf, dass die Transaktion als "Merger of Equals" charakterisiert werde, obwohl die Aktionäre des französischen Alcatel-Konzerns 58 % des kombinierten Unternehmens halten würden.

"Zu diesem Zeitpunkt berichten mir Kreise, dass Alcatel Widerstand gegen verschiedene Charakteristika der Unternehmensführung anmeldet, die mit einem "Merger of Equals" verbunden wären", sagte Faber. Dies könnte einschließen, dass Alcatel den Board des gemeinsamen Unternehmens nicht paritätisch mit Abgesandten beider Unternehmen besetzt sehen möchte. Auch die paritätische Besetzung des Top-Managements stoße auf Widerstand seitens Alcatel.



Auch das "Wall Street Journal" (WSJ) berichtete am Dienstag unter Berufung auf unternehmensnahe Kreise, dass die Gespräche zur Lucent-Übernahme für rund 23 Mrd. $ in Aktien festgefahren seien. Lucent sei besorgt, dass die Transaktion als Übernahme betrachtet werden könnte und nicht als Fusion unter Gleichen. Zudem dränge Lucent auf eine starke Repräsentanz im Board des gemeinsamen Unternehmens. Wie das WSJ weiter berichtet, werden die Gespräche allerdings fortgesetzt, und eine Lösung der Probleme werde immer noch für möglich gehalten.



Fusion brächte einen neuen Branchengiganten



Brancheninformationen zufolge wurde am Dienstag über letzte Details der möglichen Fusion verhandelt, die auf eine Übernahme von Lucent durch Alcatel für rund 23,5 Mrd. Dollar (53,6 Mrd. DM/27 Mrd. Euro) hinausliefe. Es gebe aber weiterhin noch offene Fragen, die ein Zusammengehen verhindern könnten, hieß es aus unternehmensnahen Quellen. Würden die Probleme gelöst, könnte die Transaktion schon an diesem Mittwoch angekündigt werden.

Alcatel gab in Paris keinen Kommentar zu den Gesprächen ab. Auch Lucent lehnte weiter eine Stellungnahme ab. Bei einem Zusammenschluss würde eines der größten Unternehmen der Telekommunikationsausrüstungs-Branche entstehen. Der neue Branchengigant mit fast 230 000 Beschäftigten hätte eine starke Stellung sowohl in Europa als auch in den USA.

In entscheidenden Punkten herrschte bereits Einigkeit

Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" (Dienstagausgabe) sollen die Vorstände bereits in den entscheidenden Punkten Übereinstimmung erzielt haben. Der Übernahmepreis von mehr als 53 Mrd. DM solle in Aktien entrichtet werden, berichtet die Zeitung und beruft sich dabei auf Unternehmensquellen. Alcatel - Aktionäre würden zu 58 % an der fusionierten Gesellschaft beteiligt. Schätzungen zum Übernahmepreis hatten sich bislang auf rund 70 Mrd. DM belaufen. Der Gesamtwert der Lucent-Aktien ist von 285 Mrd. Dollar Ende 1999 auf rund 32 Mrd. Dollar geschrumpft.

Ausgeklammert werden soll bei dem Zusammengehen den Angaben zufolge die 58-prozentige Beteiligung der Lucent Technologies Inc (Murray Hill/New Jersey) an dem Chipunternehmen Agere Systems Inc, die mit 7,65 Mrd. Dollar bewertet werde. Sie soll an die Lucent-Aktionäre gehen und nicht von Alcatel übernommen werden. Eine Übernahmeprämie von Alcatel für die Lucent-Aktionäre sei nach derzeitigem Verhandlungsstand nicht geplant.

Fusion geht mit äußerst großen Risiken einher

Der angeschlagene Lucent-Konzern erwägt nach einem Bericht der Financial Times Deutschland (Dienstagausgabe), über größere Aktienverkäufe neues Geld aufzutreiben, um die Finanzierungslücke bis zur Genehmigung der Fusion zu schließen. Das Unternehmen habe seinen Banken versprochen, bis September mindestens 2,5 Mrd. Dollar aufzunehmen. Das US-Unternehmen hatte zudem ein umfangreiches Sanierungsprogramm mit dem Abbau von 10 000 seiner 100 000 Arbeitsplätze angekündigt.

Für den Alcatel-Konzern, der im vergangenen Jahr mit 130 000 Beschäftigten rund 31 Mrd. ? Umsatz (62 Mrd DM) erzielte, sehen Branchenanalysten auch große Risiken in einer Fusion mit Lucent. Nach deren Schätzungen müssen 20 000 Stellen gestrichen werden, um die hoch verschuldete Lucent zu sanieren.

Lucent war 1996 von dem US-Telefonkonzern AT&T verselbstständigt worden und hatte einen jahrelangen Höhenflug. Auf Grund seiner starken Expansion mit dem Zukauf von 38 Firmen für insgesamt 46 Mrd. Dollar, der schwachen US-Konjunktur und den Problemen vieler Telekom - und Internet-Firmen war das Unternehmen in Schwierigkeiten geraten. In den vergangenen Monaten kursierten sogar Konkursgerüchte, die von Lucent aber vehement dementiert wurden.

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