Lüge und Wahrheit im US-Wahlkampf
Just the facts!

Obama ein Moslem und McCain ständig auf Anti-Busch-Kurs? Im US-Wahlkampf verschwimmt nicht selten die Grenze zwischen Show und Realität. Doch die Amerikaner werden nicht allein gelassen auf ihrer Suche nach der Wahrheit. Eine Organisation hat schon so manchen Spitzenpolitiker entlarvt.

DÜSSELDORF. "Sollte der politische Wind so wehen, werde ich den Muslimen den Rücken stärken". So äußerte sich US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama in seinem Buch "The Audacity of Hope". Mit anderen brisanten Stellungnahmen aus den Werken des Senators wurde diese Äußerung in einer Aufklärungs-E-Mail durch die ganzen USA verbreitet.

Nur waren die "Zitate" keine echten. Von sechs aufgeführten "Äußerungen" Obamas waren vier gekürzt, außer Kontext gesetzt und mit Absicht verdreht. Zwei waren sogar komplett erfunden, wie die Organisation FactCheck (www.FactCheck.org) feststellte. Die gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Washington hat es sich zur Aufgabe gemacht, Lügen und Gerüchte in der amerikanischen Politik zu entlarven. Und davon gibt es im harten US-Wahlkampf reichlich.

FactCheck hat Wissenschaftler, Journalisten und Forscher damit beauftragt, die Richtigkeit von Information in der öffentlichen Sphäre zu kontrollieren. Seit 2003 prüfen die Mitarbeiter jede Art von Fakten, Statistiken und Behauptungen, die in politischen Debatten aufgeführt werden. Auf der Website FactCheck.org werden die Forschungsergebnisse dann veröffentlicht, Politiker und Pressesprecher müssen die Verbreitung von Unwahrheiten einräumen.

Einmal in der Woche werden die gravierendsten Beispiele zusammengesetzt und kompakt als Vodcast (www.factcheck.org/just-the-facts/and_theyre_off.html) angeboten. Zum Ende der spannenden Vorwahlkampagne bot FactCheck gar eine Rückschau der besonderen Art: ein Ranking der Top-8 Versuche, mit betrügerischen, verdrehten oder sogar gefälschten Fakten die Wähler für sich zu gewinnen (www.factcheck.org/just-the-facts/factchecks_8_most_notable_primary_misleads.html). Fazit: Weder Hillary Clinton noch Barack Obama noch John McCain können heilig gesprochen werden.

So wird Obama von FactCheck für seine Neigung zum Protektionismus kritisiert: Um ärmere Wählerschichten für sich zu gewinnen, die sich von dem Nafta-Verbund mit Kanada und Mexico angegriffen fühlen, rede er die Organisation unbegründet schlecht. In der Wahlkampagne behauptete er beispielsweise, die Nafta habe die USA eine Million Arbeitsplätze gekostet. Allerdings sind die meisten Volkswirte sich einig, dass die Auswirkung des Verbandes auf den Arbeitsmarkt sehr gering ist. Im Gegenteil: Er könne sogar einen leicht positiven Effekt bewirkt haben.

Mit dieser falschen Behauptung kam Obama auf den achten Platz. Nicht zögerlich beim Anheizen der Gerüchteküche war auch seine Vorwahlkampfrivalin Clinton. In einer Rede hatte sie die Geschichte eines Bosnien-Besuchs enorm dramatisiert, ganze Szenen erfunden. Die ehemalige First Lady wollte in Bosnien unter Scharfschützen-Feuer geraten sein. Nur wenig später musste Clinton zurückrudern und entschuldigte sich für ihre falsche Darstellung. Damit landete Clinton im Ranking auf dem fünften Platz.

Nicht nur Clinton und Obama, sondern die gesamte demokratische Partei treiben teilweise Schindluder mit Fakten. Das bekam auch der Kandidat aus dem gegnerischen Lager, McCain, zu spüren. McCain hatte im Wahlkampf gesagt, er könnte sich vorstellen, amerikanische Truppen hundert Jahre lang im Irak zu stationieren. Aus diesem Statement machten die Demokraten eine plakative Fernsehwerbung, in der sie McCain vorwerfen, er würde möglicherweise Millionen von US-Soldaten in den Tod schicken. In der Werbung wird aber nicht erwähnt, dass McCain einen solchen langfristigen Einsatz mit den Fällen Japan oder Deutschland verglich. Sollten amerikanische Truppen allerdings in Gefahr schweben, so würde er sie zurückziehen.

Allerdings ist McCain nicht nur Opfer. Um sich vom unbeliebten US-Präsidenten George W. Bush zu distanzieren, behauptete er immer wieder, er hätte im Senat für "jeden Gesetzentwurf gestimmt, der eine Überprüfung des Krisenmanagements nach dem Hurrikan Katrina vorsieht". Damals wurde Bush vorgeworfen, er hätte nicht schnell genug auf die verheerenden Folgen des Wirbelsturmes reagiert. Aber McCain hat gelogen. Tatsächlich, enthüllt FactCheck, hat er im Senat zweimal gegen entsprechende Gesetzentwürfe votiert.

Obama schafft eigene Website gegen Gerüchte

Platz Eins des FactCheck-Rankings bleibt allerdings für die zahlreichen Obama-feindlichen E-Mails reserviert, die in den vergangenen Wochen und Monaten durch das Web strömten. Darin haben sich viele Unwahrheiten angesammelt: Dass Obama etwa Moslem sei; dass er sich verweigert, den Treueschwur zu leisten; dass er in seinem Buch "Dreams of my Father" geschrieben hat, er habe sich als Jugendlicher damit getröstet, "eine Feindseligkeit gegenüber der weißen Rasse zu hegen".

FactCheck zeigte auf, dass Obama nichts Derartiges gesagt hat. Das Zitat sei in keiner Weise in seinem Buch zu finden, so die Organisation. Andere waren demnach so weit aus dem Kontext gezogen und dermaßen gekürzt, dass sie schon gar nicht mehr erkennbar waren. Und: Obamas Buch heißt "Dreams from my Father", nicht "Dreams of my Father", wie es in der Massen-E-Mail steht. Noch ein kleiner, aber nicht unbedeutender Punkt, der den Mitarbeitern von FactCheck nicht entging.

Welche Bedeutung die Wahlkampfteams der Bekämpfung falscher Behauptungen einräumt, zeigt eine neue Maßnahme der Obama-Kampagne: Obama will die Gerüchteküche jetzt mit einer eigenen Website bekämpfen. Auf der Website www.fightthesmears.com räumte er unter anderem mit Behauptungen auf, er sei Muslim oder habe seinen Eid als Senator auf einen Koran geschworen. "Senator Obama ist nie ein Muslim gewesen, wurde nicht als Muslim aufgezogen, und ist ein engagierter Christ", heißt es auf der Seite. Zudem ist ein Foto zu sehen, auf der Obama seine Hand laut Bildüberschrift zum Eid auf eine Bibel legt.

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