Luftabwehrstellung sei bombadiert worden
Alliierte bestreiten Angriff auf Marktplatz

Bei zwei schweren Explosionen in einer belebten Geschäftsstraße im Nordosten Bagdads sind am Mittwoch mindestens 15 Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt worden. Alliierte Flugzeuge haben nach US-Angaben aber nur eine irakische Luftabwehrstellung und keinen Marktplatz angegriffen.

HB/dpa BAGDAD. Einwohner sprachen von zwei Raketeneinschlägen und bis zu 45 Opfern. Es handelt sich um die bislang größte Tragödie mit zivilen Opfern in Bagdad seit Beginn des Krieges vor einer Woche.

Die irakische Hauptstadt wurde auch tagsüber von den Alliierten massiv aus der Luft bombardiert. Der Vormarsch der amerikanischen und britischen Truppen nach Bagdad ist nach Angaben der irakischen Führung vorerst gestoppt worden. In Basra im Süden des Landes war die Lage nach Berichten über einen Aufstand der schiitischen Bevölkerung gegen das Regime weiter unübersichtlich.

Zivile Opfer in Bagdad

In Bagdad schlugen nach Augenzeugenberichten gegen 11 Uhr Ortszeit zwei Raketen im Viertel El Schaab (Das Volk) ein. Nach den heftigen Explosionen bot sich ein Bild der Verwüstung. Mehrere Geschäfte brannten aus oder wurden vollständig zerstört. Um den Ort der Explosionen standen ausgebrannte Autowracks, Fahrzeugteile lagen weit verstreut. Männer trugen die Leichen getöteter Iraker weg. Anwohnern stand noch nach Stunden die Angst ins Gesicht geschrieben. Andere hielten Schuhe oder Kleidungsstücke von Getöteten in die Höhe und skandierten: "Lang lebe Saddam Hussein." Jugendliche machten mit zwei Fingern das V-Siegeszeichen und skandierten "Allahu akbar" (Gott ist groß). Andere riefen: "Unser Blut opfern wir Dir, Saddam."

UN-Generalsekretär Kofi Annan forderte die im Irak Krieg führenden Staaten auf, Zivilisten zu verschonen. Er sei "in wachsendem Maße besorgt über zivile Opfer". Er forderte in New York die Einhaltung der internationalen Regeln zum Schutz von Zivilisten in Kriegen. Vor einer offenen Debatte des Weltsicherheitsrats zum Irak-Krieg berief er alle UN-Hilfsagenturen zu einer Krisensitzung nach New York.

Flugzeuge griffen angeblich irakische Luftabwehr an

Alliierte Flugzeuge haben aber nach US-Angaben nur eine irakische Luftabwehrstellung mitten in einem Wohngebiet von Bagdad bombardiert. Wie das US-Zentralkommando in Katar mitteilte, ereignete sich der Angriff gegen 9 Uhr MEZ (11 Uhr Ortszeit). Zu dieser Zeit kam es zur Explosion in der belebten Geschäftsstraße in Bagdad bei der mindestens 15 Menschen getötet und Dutzende verletzt wurden.

General Stanley McChrystal betonte im Pentagon, dass im betroffenen El Schaab-Bezirk kein Ziel angegriffen worden sei. "Streitkräfte der Koalition haben keinen Marktplatz angegriffen noch sind Raketen oder Bomben auf den Bezirk abgeschossen und abgeworfen worden." Eine Möglichkeit sei, dass Abwehrfeuer oder Boden-Luft-Raketen der Iraker ihr Ziel verfehlt und in dem Gebiet eingeschlagen seien. "Wir wissen, das etwas im El Schaab-Bezirk landete, aber wir wissen nicht, ob es amerikanisch oder irakisch war", sagte der General. "Wir wissen, dass wir nichts in der Gegend des El Schaab- Bezirks aufs Ziel genommen haben."

Nach Angaben des Zentralkommandos waren die angegriffenen irakischen Abwehrraketen weniger als 90 Meter von Wohnungen entfernt stationiert. Eine Untersuchung der angerichteten Schäden laufe.

Bush stimmt Öffentlichkeit auf längeren Krieg ein

US-Präsident George W. Bush sagte wenige Stunden vor einem Treffen mit dem britischen Premierminister Tony Blair, der Krieg sei noch lange nicht vorbei. Je näher die US-Truppen Bagdad kämen, desto gefährlicher werde es, warnte Bush auf dem MacDill- Luftwaffenstützpunkt in Florida. Vor Bagdad würden die US-Soldaten auf die "verzweifeltsten Elemente" des Regimes treffen. Dennoch sei der Ausgang sicher. Die letzten Tage des Regimes von Saddam Hussein seien nahe.

Der irakische Informationsminister Mohammed Sajjid el Sahhaf sagte in Bagdad, der Vormarsch der Alliierten nach Bagdad sei vorläufig zum Erliegen gekommen. "Sie bewegen sich nicht mehr vorwärts, und wir haben sie in der vergangenen Nacht und heute Morgen angegriffen", sagte er am Mittwoch. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon meldete kein weiteres Vorrücken der alliierten Verbände auf Bagdad seit Dienstag. Er sprach in London nur von "bedeutenden Fortschritten" seit Freitag.

El Dschasira: Dutzende von Toten in Bagdad

Bagdad war am Mittwochabend erneut Ziel massiver US-Luftangriffe. Augenzeugen berichteten von einer Serie sehr schwerer Explosionen in den südlichen Außenbezirken, wo Spezialeinheiten der Republikanischen Garden Saddams zur Verteidigung Bagdads Stellung bezogen haben. Der Korrespondent des Fernsehsenders El Dschasira berichtete von den schwersten Luftangriffen auf die Fünf-Millionen-Metropole seit Beginn des Krieges. Dabei soll es Dutzende von Toten gegeben haben. Der irakische Informationsminister warf den amerikanisch- britischen Truppen vor, sie setzten bei ihren Luftangriffen "in hysterischer Art und Weise" Streubomben gegen zivile Ziele ein, beispielsweise in Bagdad, in der Provinz Babylon, in Nasirija und in einem Dorf namens Bani Saad in der Provinz Dijala. Allein in Nasirija seien mehr als 500 "Zivilisten" getötet und 200 Häuser zerstört worden. Alliierte Militärs hatten zuvor von Verlusten auf Seiten der irakischen Kämpfer berichtet, die sich in der Stadt verschanzt hätten.

Irakische Verbände zerstörten nach Angaben des Staatsfernsehens bei Gegenangriffen auf amerikanisch-britische Truppen mehr als 20 Panzer und gepanzerte Transporter. Die paramilitärische Truppe "Fedajin Saddam", Eliteeinheiten der Republikanischen Garden und Armeesoldaten hätten die Invasionstruppen bei Kerbela und Nadschaf attackiert und feindliche Soldaten getötet. Nach US-Angaben waren dort bei schweren Gefechten am Dienstag bis zu 200 Iraker getötet worden.

Aufstand in Basra dementiert

Die Lage in der von alliierten Truppen eingeschlossenen Stadt Basra war weiter unklar. Der britische Premierminister Blair sprach von einem "Aufstand in begrenzter Form". Dagegen berichtete der Sender El Dschasira, der ein Team in der Stadt hat, es gebe keine Anzeichen einer Rebellion. Auch der irakische Informationsminister El Sahhaf dementierte die Aufstandsmeldungen. Inmitten der schweren Kämpfe im Irak ist eine Debatte um den militärischen und finanziellen Beitrag Deutschlands für den Wiederaufbau entbrannt. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Verteidigungsminister Peter Struck ließen einen möglichen Einsatz deutscher UN-Blauhelm-Soldaten beim Wiederaufbau nach dem Krieg offen.

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