Luftangriffe wieder verstärkt aufgenommen
USA: Neue Milzbrand-Fälle

In den USA grassiert Furcht vor der Infektion mit Milzbranderregern, obwohl ein in Nevada aufgetauchter fünfter Verdachtsfall noch ungeklärt ist. Unterdessen haben die USA die Luftangriffe in der Nacht zu Samstag wieder verstärkt aufgenommen. Nach Angaben des Nachrichtensenders CNN feuerte ein Kriegsschiff Marschflugkörper ab. In Berlin demonstrierten am Samstag mehrere tausend Menschen gegen die Militärschläge.

dpa ISLAMABAD/WASHINGTON/BERLIN. Nach zwei widersprüchlichen Testergebnissen wird erst im Laufe des Samstag endgültig Aufschluss erwartet, ob ein in Reno eingegangener Brief mit einem verdächtigen Pulver und pornografischen Texten nicht nur ein "schlechter Scherz" war. In New York war bei einer Mitarbeiterin des Fernsehsenders NBC Haut-Milzbrand festgestellt worden. Sie hatte am 25. September einen verdächtigen Brief geöffnet und später Ausschlag entwickelt. Die Behörden teilten mit, der Frau gehe es gut, und es gebe "keinerlei Verbindung" zu den Terroranschlägen vom 11. September. Das Stockwerk, wo die Frau gearbeitet hatte, wurde geräumt und versiegelt. Die großen Fernsehketten teilten mit, sie würden ab sofort beim Umgang mit der Post größte Sorgfalt walten lassen.

In Florida hatte es drei Milzbrandfälle gegeben; einer davon endete tödlich. Bei allen anderen fast 800 Mitarbeitern des Verlagshauses in Boca Raton blieben die Tests negativ. Während in Florida die drei infizierten Personen den Erreger eingeatmet hatten, hatte sich die Frau in New York durch direkten Hautkontakt infiziert. Anthrax kann als biologischer Kampfstoff verwendet werden. Für einen Zusammenhang mit den Terroranschlägen in New York und Washington am 11. September gebe es jedoch keine Anhaltspunkte, sagte Justizminister John Ashcroft.

Gegen die Militärschläge der USA auf Afghanistan demonstrierten am Samstag mehrere tausend Menschen in Berlin. Die Initiatoren der Friedenskundgebung hatten mit mehreren zehntausend Teilnehmern gerechnet. Mehr als 100 Organisationen hatten zu der Veranstaltung unter dem Motto "Kein Krieg! Aufstehen für den Frieden!" aufgerufen, darunter Friedensgruppen und Gewerkschaften, Parteien und Globalisierungskritiker sowie Schüler- und Studierendenvertretungen. Die Polizei hatte am Samstag rund 2000 Sicherheitskräfte im Einsatz.

Hunderttausende hatten am Freitag in der islamischen Welt zum Teil gewalttätig gegen die andauernden US- Luftangriffe in Afghanistan protestiert. Die Moslems sammelten sich in vielen Ländern nach dem traditionellen Freitagsgebet und skandierten anti-amerikanische Parolen. US-Präsident George W. Bush räumte den Taliban eine "zweite Chance" zur Auslieferung des Top-Terroristen Osama bin Laden ein.

Bei den Protesten von Moslems kam es auch zu gewalttätigen Ausschreitungen. In der pakistanischen Hafenstadt Karachi eröffneten Sicherheitskräfte nach Augenzeugenberichten das Feuer in Richtung randalierender Demonstranten und setzten Tränengas ein. Dabei wurden neun Menschen verletzt, berichteten Krankenhausmitarbeiter in der größten Stadt des Landes. Es habe Dutzende Festnahmen gegeben. Radikale Moslems hatten zuvor ein Regierungsbüro und einen amerikanischen Schnellimbiss attackiert. In einer Filiale derselben Restaurantkette in der indonesischen Provinz Südsulawesi explodierte eine Bombe; dabei wurde niemand verletzt.

Allein in der iranischen Hauptstadt Teheran versammelten sich mehrere hunderttausend Menschen. Sie riefen vor der palästinensischen Botschaft "Tod den Amerikanern, Tod den Israelis!". Vor den US- Botschaften im indonesischen Jakarta und in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur kam es ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und radikalen Moslems. Auch in Sri Lanka, Kenia, Libanon und im Westjordanland demonstrierten insgesamt Zehntausende Moslems, meist blieb es friedlich. In der Türkei wurden bei Protesten 100 Demonstranten festgenommen.

Das FBI hatte unterdessen am Freitag vor weiteren Terroranschlägen "in den nächsten Tagen" in den USA oder gegen amerikanische Einrichtungen im Ausland gewarnt. UN-Generalsekretär Kofi Annan äußerte die Überzeugung, dass die USA ihre Militäraktionen nicht auf andere Staaten ausweiten werden. In Afghanistan gingen die US- Luftangriffe gegen Einrichtungen des Taliban-Regimes in Kabul, Kandahar und Dschalalabad mit unverminderter Härte weiter.

Nach einer vorübergehenden Minderung der Luftangriffe auf Afghanistan mit Rücksicht auf den moslemischen Wochenfeiertag am Freitag hatten die USA den Beschuss in der Nacht zu Samstag wieder verstärkt aufgenommen. Nach Angaben des Nachrichtensenders CNN feuerte ein Kriegsschiff Marschflugkörper ab. US-Kampfflugzeuge bombardierten offenbar auch Stellungen der Taliban im Norden Afghanistans in der Nähe des Drei-Länder-Ecks zwischen Afghanistan, Tadschikistan und Usbekistan. Das teilten jedenfalls die oppositionelle Nordallianz und tadschikische Militärs mit. Beim Beschuss des Flughafens von Kabul seien in einem benachbarten Dorf vier Zivilisten ums Leben gekommen, meldete die in Pakistan ansässige private afghanische Nachrichtenagentur AIP. Damit würde die Zahl der zivilen Opfer seit Beginn der Operation Sonntagabend auf etwa 280 steigen. Eine unabhängige Bestätigung für diese Zahlen gibt es nicht.

US-Präsident Bush äußerte sich bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus zufrieden über den bisherigen Verlauf des Krieges gegen den Terrorismus. Er versicherte, der Kampf werde so lange fortgesetzt, bis die Terrororganisation El Kaida und ihr Anführer Bin Laden zur Rechenschaft gezogen worden seien. "Dieser Kampf dauert so lange, wie es braucht, um den Terrorismus auszumerzen." Gleichzeitig signalisierte er den Taliban die Möglichkeit für ein Ende der US- Militäroffensive. "Wenn ihr ihn (Bin Laden) und seine Leute heute ausspuckt, werden wir uns noch einmal überlegen, was wir mit eurem Land machen", sagte er.

Annan sagte in New York, der Eindruck sei falsch, dass die USA nun "herumziehen und irgendwelche Regierungen und Staaten angreifen" würden oder dass "dies ein Krieg ist, der die Welt erfasst mit Militäraktionen überall". Das sei nicht sein Verständnis der ihm übermittelten US-Position. Ein zweifelhafter Satz in einem Brief des Washingtoner UN-Botschafters John Negroponte an den Sicherheitsrat zu Beginn der Woche habe eine entsprechende "Besorgnis unter UN - Mitgliedstaaten" ausgelöst.

Internationale Hilfsorganisationen befürchten wegen des nahenden Winters eine humanitäre Katastrophe in Afghanistan. Deshalb forderte die UN-Kommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, eine Unterbrechung der US-Luftangriffe. "Wir brauchen eine Pause, um Zugang für humanitäre Hilfe zu bekommen und um afghanischen Zivilisten das Überqueren der Grenzen zu ermöglichen", sagte die frühere irische Präsidentin. Gleichzeitig drängten die Vereinten Nationen am Freitag die Nachbarstaaten Afghanistans, ihre Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen.

Die Terrorgruppe El Kaida soll eine Belohnung von 50 000 $ für jeden in Afghanistan gefangenen US- Soldaten ausgesetzt haben. Das meldete die pakistanische Zeitung "Ausaf" unter Berufung auf einen Sprecher des Terrornetzwerks. Zudem wolle El Kaida für jede erbeutete US-Armeeuniform 3000 $ und für jede amerikanische Waffe 1500 $ zahlen.

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