Luftfahrt-Analysten sehen keine Entspannung
Airline-Aktien bleiben höchst riskant

Dass die Schweiz ihre nationale Airline mit massiven Steuergeldern am Leben hält, schätzen Analysten als negativ für den ganzen Sektor ein. Airlines wie Lufthansa werden im Wettbewerb benachteiligt.

DÜSSELDORF. Die finanziell abgestürzte Swissair darf weiterfliegen, "aber niemand kann garantieren, dass sie Erfolg haben wird". Die nüchterne Einschätzung des Schweizer Finanzministers Kaspar Villiger spricht Bände. Montagabend hatte die Regierung beschlossen, sich mit dem umstrittenen Einsatz von massiven Steuergeldern am Aufbau einer neuen Fluggesellschaft zu beteiligen. Mit einem Rettungspaket in Höhe von umgerechnet knapp 3 Mrd. Euro will der Schweizer Bund unbedingt eine nationale Airline im Land erhalten.

Die Aktien der an diesem Abenteuer beteiligten Luftfahrtkonzerne machten nach all dem Jammer der vergangenen Wochen erstmals wieder Freudensprünge. Die Swissair-Papiere legten am Dienstag um knapp 10 % zu, die bisherige Tochter Crossair machte zu Handelsbeginn gar einen Satz um fast 20 %. Am Nachmittag blieb bei Crossair allerdings nur noch ein kleines Plus.

Die Regionalfluggesellschaft mit Sitz in Basel soll das Geschäft der Pleite gegangenen Swissair übernehmen und bis März 2002 neben Europaflügen auch die Swissair-Langstrecken anbieten. "Die neue Firma hat eine wettbewerbsfähige Kostenstruktur", sagte Thomas della Casa, Analyst bei der Deutschen Bank in der Schweiz. Einen Einstieg in die Aktie halten viele Branchenexperten indes für äußerst risikoreich. Es gebe begründete Zweifel daran, dass die neue Gesellschaft auf dem Markt eine Chance haben wird. Außerdem sei der Markenname Swissair erheblich geschwächt, heißt es bei Analysten und Händlern.

Von den Terrorattentaten hart getroffen

Erschwerend hinzu kommt derzeit die schwache Marktverfassung aller Luftfahrtunternehmen. Die Ereignisse am 11. September haben einen Industriezweig, der auf forsches Wachstum ausgerichtet war, ins Mark getroffen: Seit den Terrorattentaten ist der Traum von ständig wachsenden Verkehrszahlen vorbei. Nahezu überall auf der Welt bleiben neuerdings die Flugzeuge halb leer, es hagelt Umsatzeinbrüche, drastische Gewinnwarnungen und Personalentlassungen.

Bisher zweifelten Branchenexperten kaum daran, dass nur die finanzstärksten Airlines dieses Gewitter überleben werden. Seit dem massiven Eingriff des Schweizer Staates wird jedoch befürchtet, dass die überfällige Konsolidierung in der europäischen Luftfahrt weiter hinausgeschoben wird. "Das ist negativ für den gesamten Sektor. Man muss damit rechnen, dass jetzt so mancher National Carrier fröhlich weiter fliegt", sagt Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.

Konkurrenz empört über Wettbewerbsverzerrung

Konkurrenten wie die Deutsche Lufthansa oder British Airways sind empört über derlei Wettbewerbsverzerrung. Erst eine Marktbereinigung mache den Weg frei für eine gesündere Branche, heißt es hier wie dort. So aber drohen inzwischen auch die Schwergewichte in eine massive Krise hineinzurutschen. "Die Situation ist dramatischer, als wir das selber noch vor Wochen erwartet haben, und sie wird zunehmend kritischer", gestand kürzlich Lufthansa-Konzernvorstand Wolfgang Mayrhuber. Derzeit sei nicht abzusehen, wann der anhaltende Passagier-Einbruch von rund 20 % gestoppt werden könne.

Die allgemeine Ratlosigkeit um die Zukunft der Branche dokumentiert sich in vielen unterschiedlichen Einschätzungen der Analysten. Das Investmenthaus M.M. Warburg hat die Aktie der Lufthansa nach der Vorlage schlechter Auslastungszahlen gestern auf "Verkaufen" herabgestuft. Es sei "beunruhigend", dass Lufthansa keine weiteren Aussagen über die Folgen der Anschläge gemacht habe, bemängelten die Experten.

Die US-Investmentbank Merrill Lynch schätzt Lufthansa dagegen weiter als besten Wert in einem Risiko behafteten Sektor ein. Das Finanzhaus sieht einen fairen Wert von 15 Euro je Aktie, wobei das Papier kurzfristig durch schlechte Nachrichten weiter gedrückt werden könnte. Metzler-Analyst Pieper empfiehlt derzeit, das Lufthansa-Papier wegen der vielen Unsicherheiten zu halten. Er betont aber auch: "Auf Sicht von einem Jahr ist die Aktie wohl ein Kauf."

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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