Lukrativer Markt lockt neue Konkurrenten
Cholesterinsenker bleiben im Aufwind

Medikamente gegen zu hohe Cholesterinwerte bleiben ein Renner im Pharmageschäft. Der Skandal um das Bayer-Medikament Lipobay hat andere Wirkstoffe nicht in Mitleidenschaft gezogen. Doch über kurz oder lang wird sich der Wettbewerb in dem lukrativen Marktsegment verschärfen.

DÜSSELDORF. Der Markt für Cholesterinsenker bleibt lukrativ, wachstumsstark. Der Skandal um das Medikament Lipobay, das der Bayer-Konzern vor zehn Monaten vom Markt nehmen musste, hat den Aufschwung der Produktgruppe damit nicht gebremst. Der etwa 15 - 17 Mrd. $ große Markt für Medikamente gegen zu hohe Blutfettwerte wird vielmehr nach Meinung vieler Experten weiterhin stark expandieren. Die Investmentbank UBS Warburg etwa schätzt, dass die Produktgruppe bis zum Jahr 2005 auf mehr als 25 Mrd. $ wachsen wird.

Nachdem Bayer im vergangenenJahr Lipobay vom Markt nehmen musste, teilen sich in Europa und den USA noch vier Hersteller - Pfizer, Merck & Co, Bristol-Myers und Novartis - das Geschäft. Etwa 40 % der Lipobay-Nutzer sind nach Angaben von Pfizer auf deren Medikament Lipitor umgestiegen, dessen Umsatz im vergangenen Jahr um 26 % auf 6,4 Mrd. $ expandierte. Merck & Co verbucht mit Zocor Erlöse von 6,7 Mrd. $. Lipidsenker gehören damit zu den umsatzstärksten Produkten der Pharmabranche.

Wettbewerb wird zunehmen

Allerdings wird in absehbarer Zeit auch der Wettbewerb wieder zunehmen. Denn mehrere Unternehmen zielen mit Neuentwicklungen auf das lukrative Geschäft. An vorderster Front steht der britische Konzern Astra Zeneca mit seinem Medikament Crestor. Nachdem die US-Zulassungsbehörde FDA jüngst zusätzliche Daten verlangte, wird dieser neue Cholesterinsenker allerdings frühestens im vierten Quartal auf den Markt kommen. Die Umsatzprognosen für den potenziellen "Blockbuster" liegen nach Aussage von Astra Zeneca-Chef Tom McKillop bei mindestens 1 Mrd. $ jährlich. UBS hat - trotz einer gewissen Nervosität was die Crestor-Zulassung anbetrifft - seine Umsatzprognose für 2005 von 2,5 Mrd. $ auf 2,9 Mrd. $ hochgestuft. Auch Novartis arbeitet an einem Cholesterinsenker. Nach Auskunft von Rolf Hömke vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller verfügen ferner Boehringer Ingelheim, Bristol-Myers Squibb und Glaxo Smithkline interessante Forschungskandidaten.

Die Medikamente finden reißenden Absatz, weil erhöhte Cholesterinwerte als eine wichtige Ursache für Herzkreislauferkrankungen gelten. Etliche Studien sprechen für die vorbeugende Wirkung der Medikamente. Eine aktuelle Studie der britischen Oxford Universität belegt zudem den Nutzen von Cholesterinsenkern jetzt nicht mehr nur bei Männern, sondern auch bei Frauen, älteren Menschen, Diabetikern und anderen Risikogruppen. Bei Patienten mit hohem Risiko, so die Studie, soll die Einnahme von Cholesterinsenkern über fünf Jahre das Risiko eines Herzinfarktes oder eines Schlaganfalls um mindestens ein Drittel verringern.

Vor dem Hintergrund solcher Studien haben die Lipobay-Probleme den Einsatz von Cholesterinsenkern praktisch nicht gebremst, obwohl fast alle Produkte, wie Lipobay, zur Gruppe der "Statine" gehören. Bayer musste den bis dahin erfolgreichen Cholesterinsenker Lipobay im August 2001 vom Markt nehmen, nachdem in Verbindung mit der Einnahme des Medikamentes 52 Todesfälle aufgetreten waren.

Auch fehlt es nicht an kritischen Stimmen. Nach Einschätzung von Ludger Beyerle vom Berufsverband deutscher Internisten hätte der Skandal zumindest dazu führen sollen, die großzügige Massenverordnung der Statine gründlich zu hinterfragen. Statine sind hochwirksame Arzneistoffe. Sie können theoretisch zu starken Neben- und Wechselwirkungen führen - vergleichbar mit denen, die bei der Einnahme von Lipobay aufgetreten sind, wenn auch die Wahrscheinlichkeit weitaus geringer ist, so Beyerle. Eine medikamentöse Routinebehandlung mit Cholesterinsenkern ist seiner Einschätzung nach in 90 % aller Fälle sogar überflüssig. Er empfielt sie nur für Patienten, die auch nach Umstellung ihrer Lebensweise und Ernährung immer noch erhöhte Risikofaktoren aufweisen.

In Kürze wird der Arzneispezialitätenausschuss CPMP der EU-Arzneimittelagentur EMEA das Ergebnis einer erneuten Gesamtbewertung der Statine vorlegen. Darin werden möglicherweise geringe Ergänzungen der Produktinformationen vorgeschlagen. Axel Thiele vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: "Das bedeutet, dass die Statine als Klasse weiterhin auf dem Markt bleiben."

Quelle: Handelsblatt

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