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Lulu gerettet: Frank Wedekinds «Lulu» in Bochum

Bochum (dpa) - Buh-Rufe mischten sich unüberhörbar in den Schlussbeifall bei der Premiere von Frank Wedekinds «Lulu» im Bochumer Schauspielhaus. Christina Paulhofer, eine junge Regisseurin, die dabei ist, sich einen Namen zu machen, polarisierte ihr Publikum; sie stützte sich bei ihrer Inszenierung auf eine Neubearbeitung der «Monstretragödie» von Moritz von Uslar.

Bochum (dpa) - Buh-Rufe mischten sich unüberhörbar in den Schlussbeifall bei der Premiere von Frank Wedekinds «Lulu» im Bochumer Schauspielhaus. Christina Paulhofer, eine junge Regisseurin, die dabei ist, sich einen Namen zu machen, polarisierte ihr Publikum; sie stützte sich bei ihrer Inszenierung auf eine Neubearbeitung der «Monstretragödie» von Moritz von Uslar.

Uslar, ein Journalist und Dramatiker der jungen Generation, versetzt «Lulu» vom Ende des 19. an den Anfang des 21. Jahrhunderts. Lulu ist ein erfolgreiches Model und dreht in den ersten Szenen einen Clip - bei Wedekind war der Videoregisseur noch ein Maler, der Lulu in erotischer Pose porträtieren sollte.

Uslar lehnt sich an die von Wedekind vorgegebene Handlung an, sucht aber immer nach Entsprechungen in unserer Gegenwart. Lulu heiratet, wie bei Wedekind, Männer, die sie nicht liebt, die aber vermögend sind oder Einfluss haben. Als einer ihrer Gatten sie wegen eines Betrugs zur Rechenschaft ziehen will, bringt sie ihn um - und flieht. Bei Wedekind nach Paris, bei Uslar ans Mittelmeer. Dort wird Lulu Opfer eines alternden italienischen Playboys, der seine erloschenen Sinne mit gewaltsamem Sex aufzureizen pflegt - wird dann aber gerettet. Während Lulu bei Wedekind im fünften und letzten Akt von Jack the Ripper erstochen wird, findet Uslar ein Happy End: Lulu und ein junger Mann verlieben sich.

Paulhofer unterstreicht in ihrer Inszenierung wie Uslar in seiner Bearbeitung, dass sich die Rolle der Frau in den letzten hundert Jahren grundlegend geändert hat. Wedekinds Lulu hatte wenig andere Möglichkeiten sich zu entfalten als die Ehe, Lulu von heute kann freier agieren. Mavie Hörbiger spielt in Bochum Lulu als junge Frau, die auf den Glanz einer Model-Karriere hereinfällt und erst verschiedene Abstürze und Irrtümer durchlaufen muss, ehe sie merkt, dass ehrliche Beziehungen zwischen Menschen durch nichts zu ersetzen sind.

Christina Paulhofers Inszenierung übertrifft die ebenfalls aktualisierenden «Lulu»-Deutungen, die in dieser Saison Michael Thalheimer in Hamburg und Thomas Ostermeier in Berlin präsentiert haben, weil sie den geschichtlichen Wandel der letzten hundert Jahre, den ihre Kollegen zu wenig berücksichtigten, in die Bochumer «Lulu» zu integrieren vermag. Trotz einiger Unstimmigkeiten in Moritz von Uslars neuer Fassung: eine mitreißende Ensembleleistung und eine diskussionswürdige Bearbeitung.

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