"Mach weiter so Rudi"
Rudi Völler bleibt nicht allein

Der Teamchef bekommt nach seiner Medienschelte Unterstützung aus der Bundesliga.

DORTMUND. Der Beistand wurde herein gereicht auf einem gefaltetem Zettel. Teamchef Rudi Völler verteidigte gerade wort- und gestenreich seine Kritik an der Kultur der Kritik, da nahm der Sprecher des Deutschen Fußball-Bundes die Botschaft in Empfang und gab sie wieder. Der Inhalt war ungefähr der folgende: Mach weiter so Rudi, wir stehen zu hundert Prozent hinter Dir! Absender war der "Arbeitskreis Nationalmannschaft", namentlich die Herren Hoeneß (Uli und Dieter), Calmund und Assauer. Rudi Völler konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Schön, wenn es in diesen Tagen auch noch Gurus gibt, die einem dem Rücken stärken, wird sich Völler gedacht haben. Gurus - so hatte Völler am Samstagabend mit unüberhörbar abfälligem Unterton jene einstigen Fußballstars genannt, die sich oft und laut zu Wort melden, wenn es um schwere Schicksalsschläge geht, wie das 0:0 in der EM-Qualifikation gegen Island einer war. Nun ist diese Expertenschaft hier zu Lande. Auf der einen Seite stehen die Manager von Bayern München, Hertha BSC, Bayer Leverkusen und Schalke 04. Sie stehen in ihren Klubs in der direkten Verantwortung für das Tagesgeschäft und sind mehr als andere an der strategischen Aufwertung des Produktes Fußball interessiert. Gemeinsam bilden sie den Arbeitskreis Nationalmannschaft.

Auch Rudi Völler zählte zu ihnen, bis er vor drei Jahren seinen Job als Sportdirektor in Leverkusen aufgab und den des Teamchefs der Nationalmannschaft antrat. Auf der anderen Seite sammeln sich die eher Experten wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Paul Breitner oder Udo Lattek, die "ja irgendwie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen", wie es am vergangenen Samstag aus Völler heraussprudelte. Gestern fügte der Teamchef hinzu, dass "ich meine Art, wie ich die Mannschaft führe, wie ich sie kritisiere und lobe, nicht abrücken werde". Er werde sich vor die Mannschaft stellen, natürlich auch "in der Hoffnung, dass ich etwas zurückbekomme."

Manch einer wollte in dieser Aussage gleich ein Bekenntnis entdeckt haben - es habe sich mithin keineswegs um einen spontanen Ausbruch gehandelt, sondern um einen wohl kalkulierten Motivationsschub, mit dem Völler die deutsche Mannschaft aus der in Island gepflegten Lethargie wecken wollte. Schließlich geht es am Mittwoch in Dortmund gegen Schottland, bei einem Sieg wäre die Qualifikation für die Europameisterschaft 2004 in Portugal so gut wie geschafft. Völler lachte und war wohl auch ein wenig geschmeichelt. Nein, "diese Blume stecke ich mir nicht an", aber im Nachhinein könne man schon sagen, "dass es gepasst hat, vielleicht habe ich der Mannschaft ein bisschen geholfen, indem ich mal die Luft rausgelassen habe."

Aus dem inneren Zirkel der Nationalmannschaft war denn auch zu hören, dass Völler seinen Auftritt keineswegs geplant hatte. Die Abrechnung mit den Gurus habe ihm schon lange auf der Seele gelegen, und nirgendwo habe diese plakativer vorgetragen werden können als bei einem Live-Interview im Fernsehen. "Aber das es solchen Wirbel gibt, hätte ich nicht gedacht", sagte Völler.

Intern übe er an den Leistungen seiner Mannschaft sehr wohl harte Kritik, aber in der Öffentlichkeit wolle er sich nun mal nicht für dumm verkaufen lassen. Auch diesmal sei er wie immer nach dem Spiel ins Fernsehstudio gegangen. Dann aber habe Moderator Gerhard Delling von sich aus das Stichwort vom "Tiefpunkt der Unterhaltung" gegeben, und fortan sei alles aus dem Teamchef heraussprudelt, was sich schon lange angestaut habe. So kam es jedenfalls bei der Mannschaft an.

Die meisten Spieler waren direkt nach dem Spiel noch in der Kabine von ihren Freundinnen oder Freunden über Handy per SMS über Völlers Auftritt informiert worden. Das anschließende gemeinsame Abendessen verlief völlig normal. "Es gab keinen Szenenapplaus", sagte der Dortmunder Christian Wörns, der auf Island noch die besten Kritiken bekommen hatte und am Mittwoch sein 50. Länderspiel bestreiten wird. "Einen Bogen um Rudi wurde aber auch nicht gemacht." Die Mannschaft habe Völlers Auftritt durchweg positiv aufgenommen. Die Spieler haben sich inhaltlich mit dem Thema beschäftigt. "Davon können Sie ausgehen", erzählte Wörns. Am Mittwoch liegt der Ball wieder bei den Spielern.

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