Machtkämpfe auf allen Ebenen
Gewerkschaften suchen eine neue Rolle

High Noon in der IG-Metall-Zentrale: Der 2. Vorsitzende Jürgen Peters ruft zur Pressekonferenz und erklärt dem staunenden Publikum, wie "unglaublich" und "ehrverletzend" die "öffentlichen Unterstellungen" des 1. Vorsitzenden gegen ihn seien. Umgehend lässt Klaus Zwickel, der derart attackierte 1. Vorsitzende, eine Pressemitteilung verbreiten: Er bleibe bei seinen Vorwürfen gegen den 2. Vorsitzenden - "der Vorstand der IG Metall wurde faktisch getäuscht".

HB DÜSSELDORF. Inzwischen ist Klaus Zwickel seit einem halben Jahr im Ruhestand und Peters sein Nachfolger. Doch der beispiellose Krach um die Verantwortung für das Streikdesaster in der ostdeutschen Metallindustrie bleibt symptomatisch für ein Dilemma, mit dem alle deutschen Gewerkschaften nie zuvor so massiv konfrontiert waren wie im abgelaufenen Jahr: Wie kompromisslos-kämpferisch sollen sie ihre Organisationsmacht für ihre Mitglieder einsetzen? Und wie lernfähig müssen sie sein, um nicht im politisch-gesellschaftlichen Abseits eben diese Macht einzubüßen?

Beispiel öffentlicher Dienst: Die neue Großgewerkschaft Verdi demonstriert gleich zu Jahresbeginn in der Lohnrunde für die Staatsbediensteten Stärke. Doch der Tarifabschluss treibt den Spaltpilz zwischen Bund, Ländern und Kommunen - die Zweifel wachsen, ob der Flächentarif des öffentlichen Dienstes der Last ihrer wachsender Finanznöte Stand halten wird.

Beispiel "Agenda 2010": Der reflexartige Protest von IG Metall, Verdi &Co. gegen den politischen Kurswechsel der rot-grünen Regierung verfängt nicht. Ein Aufruf zur Großdemonstration verfehlt selbst bei den Gewerkschaftsmitgliedern die erwartete Resonanz. Das Ergebnis ist ein offener Lagerstreit im Deutschen Gewerkschaftsbund.

Beispiel Arbeitszeit: Unbeirrt zieht die IG Metall in den Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche in der ostdeutschen Metallindustrie. Dabei unterschätzt sie erneut die neue politische Großwetterlage. Die Ost-Arbeitgeber machen klar, dass sie eher den Flächentarif zerbrechen lassen, als sich kollektiv zu beugen. Vor diesem Hintergrund bricht schließlich auch in der Gewerkschaft die Streikunterstützung weg.

Bernhard Ebbinghaus vom Kölner Max-Planck für Gesellschaftsforschung, -Institut beschreibt das Dilemma der Gewerkschaften so: "Nutzen sie ihre Streikmacht und üben in der Politik eine Vetofunktion aus, dann halten sie zwar ihre Stamm- Mitglieder bei der Stange. Dieselbe Strategie hindert sie aber daran, sich für neue Gruppen zu öffnen." Zum Beispiel für höher qualifizierte Beschäftigte im Dienstleistungssektor - in den Bereichen also, die mit dem Strukturwandel der Wirtschaft an Bedeutung gewinnen.

Dazu passt, dass sich der Mitgliederschwund beschleunigt hat - nachdem IG Metall, Verdi&Co. vor Jahresfrist noch erste Zeichen einer Stabilisierung sahen. Die IG Metall verbucht für 2003 ein Rekordminus von mehr als 130 000 - rund 5 % ihrer Mitgliedschaft. Verdi liegt mit einem Minus von rund 100 000 kaum besser.

Freilich setzen selbst die beiden vermeintlich starren Gewerkschaftsriesen bisweilen Signale der Modernität. Die IG Metall hat gerade die Weichen hin zu neuen Entgeltstrukturen gestellt. Verdi arbeitet an der Mammutaufgabe einer Radikalreform des Tarifrechts im öffentlichen Dienst, sie hat im Bankgewerbe leistungsbezogene Gehälter möglich gemacht und trägt neuerdings bei Postzustellern Arbeitszeiten von bis zu 48 Stunden pro Woche mit.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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