Machtvakuum bei der führenden italienischen Investmentbank: Fiat zieht und zerrt an Mediobanca

Machtvakuum bei der führenden italienischen Investmentbank
Fiat zieht und zerrt an Mediobanca

Die Fußballspiele zwischen Turin und Mailand sind legendär. Das liegt an der tiefen Abneigung zwischen den beiden norditalienischen Metropolen. Exakt dieselbe Rivalität ist Dreh- und Angelpunkt der Auseinandersetzungen um Köpfe und Strategien in Italiens wichtigster Investmentbank, der geheimnisumwitterten Mediobanca.

MAILAND. Seit ihrer Gründung im Jahr 1946 durch den Bankier Enrico Cuccia spielt die Mailänder Mediobanca die Rolle der Spinne im Netz der Italien AG. Doch inzwischen ist ein Kampf um die Macht bei der lange Zeit einzigen privatwirtschaftlichen Investmentbank Italiens entbrannt.

Auf der einen Seite des Feldes versucht der Turiner Fiat-Konzern der Familie Agnelli mit zunehmender Härte Einfluss in der Mediobanca zu gewinnen. Auf der anderen Seite haben sich diverse Akteure aus Mailand positioniert - vor allem die Großbank Unicredito Italiano. Sie wollen jeden Machtzuwachs Turins verhindern. Gleichzeitig planen sie, die Mediobanca als Vehikel für die Umsetzung ihrer weit reichenden Umbaupläne der Italien AG zu benutzen. "Die Situation erinnert mich an einen Bazar. Jeder zieht und zerrt, um das Maximum herausholen", beobachtet Antonio Quaglio, leitender Redakteur der führenden Wirtschafts- und Finanzzeitung "il Sole 24 ore".

Die Ausgangslage: Als Mediobanca-Gründer Enrico Cuccia vor knapp 20 Monaten 92-jährig stirbt, hinterlässt er nicht nur ein Haus mit einer unvergleichlich starken heimischen Marktposition und einem reichen Beteiligungsportfolio (Generali, Fondiaria u.v.m.), sondern auch ein Machtvakuum. Cuccia war nämlich viel mehr als nur Chef und Ehrenpräsident der Mediobanca - er war ihre Seele, ihre Identität. Daher verwundert es nicht, dass sein Tod das Haus in eine Lähmung versetzt. Tiefe Einschnitte - personell oder strategisch - sind zunächst undenkbar. Cuccias Ziehsohn, Vincenzo Maranghi, tritt in den langen Schatten des Alten und übernimmt die Führung.

Seither ist für Mediobanca praktisch alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Fast nichts sollte Maranghi gelingen. So verlor Mediobanca im Sommer 2001 die Übernahmeschlacht um den Mischkonzern Montedison, den Fiat mit Hilfe der Electricitè de France (EdF) aus der Einflussspähre der Investmentbank löste und in die eigene Umlaufbahn schickte. Dann musste Maranghi untätig ansehen, wie der wichtigste Deal des vergangenen Jahres in Italien - Pirellis Übernahme der Telecom Italia - ohne sein Zutun über die Bühne gebracht wurde. Insider sind sich sicher: Hätte Maranghi auch den Kampf um die verbündeten Versicherungen Fondiaria und Sai verloren, die Fiat mit der konzerneigenen Assekuranz Toro zusammenschließen wollte, hätte der glücklose Chef seinen Hut nehmen müssen.

Der Chefsessel wackelt

Dass die Agnellis von dem ehrgeizigen Projekt ablassen mussten, ist zwar für Maranghi ein wichtiger Etappensieg. Dennoch wackelt sein Chefsessel. Fiat wird mit seinen Partnern Banca di Roma und San Paolo-IMI auch in Zukunft auf mehr Einfluss in der Investmentbank drängen. Banca di Roma ist über eine zehnprozentige Beteiligung der Toro an Fiat gebunden und mit 9,5 % neben dem Unicredito einer der Großaktionäre der Mediobanca. Die Turiner Fraktion würde es begrüßen, sollte ein alter Bekannter wieder in den düsteren Palazzo hinter dem Opernhaus "Scala" zurückkehren: Gerardo Braggiotti, Senior-Partner der französisch-stämmigen Investmentbank Lazard wäre ihr Traumkandidat. Der frühere Vertraute von Cuccia und Gegenspieler von Maranghi würde nach Maßgabe des Fiat-Präsidenten Paolo Fresco die Bankaktivitäten vom Beteiligungsportfolio trennen und Mediobanca in zwei Gesellschaften zerlegen.

Wahrscheinlicher aber ist, dass die Mailänder ihre Mediobanca nicht aus den Händen geben werden. Als Vorspiel für die entscheidende Schlacht bringen sie bereits Paolo Biasi, den Chef der Bankstiftung von Verona, als künftigen Präsidenten des Unicredito in Stellung. Dadurch würde er gleichzeitig Vizepräsident der Mediobanca, von wo aus er auf den Chefsessel befördert werden könnte. Ihm wird zugetraut, eine große Fusion des Unicredito mit der anderen Mailänder Großbank Intesa-Bci unter Einschluss der Mediobanca und Generali zu orchestrieren.

Es scheint, als genieße diese Hypothese das Wohlwollen des wichtigsten Unternehmers der Stadt und des ersten Politikers des Landes: Silvio Berlusconi. Nur er wäre im Stande, den Notenbankgouverneur Antonio Fazio in seiner Rolle als oberster Bankenaufseher von einem möglichen Veto abzubringen. Egal, wie das Match aber enden wird: In jedem Fall wird die Mediobanca sich radikal wandeln. Sie muss sich öffnen, transparenter werden und ihre zweifellos vorhandenen Fähigkeiten im Investmentbanking besser verkaufen, um verlorene Marktanteile zurückzugewinnen. Außerdem führt an einer Internationalisierung kein Weg vorbei. Ein ausländischer Top-Banker in Mailand bringt es so auf den Punkt: "Mediobanca wird in sich modernisieren oder in die Bedeutungslosigkeit versinken."

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