Männlich, reich, sucht...
Auch im Silicon Valley gibt es wieder ein Leben nach dem Job

Während des Internet-Rausches hatten junge Männer im Silicon Valley keine Zeit für das Privatleben. Von Arbeitslosigkeit überrascht, suchen sie jetzt verzweifelt eine Frau - ein hartes Geschäft.

SAN FRANCISCO. Für sein Liebesleben hatte Jesse Simons nun wirklich keine Zeit mehr. 1999, auf der Höhe des Internet-Booms, war der Job das Einzige, was für den Chef des Internet-Startups Non Stop Net zählte. Damals hatte er "die fixe Idee", so reich zu werden, dass er mit 30 in Rente gehen könnte. Acht Jahre war er mit seiner Freundin zusammen - und trennte sich von ihr, als sein Unternehmen 30 Mill. $ Startkapital bekam.

"Es war eine Entscheidung zwischen meinem Job und meiner Beziehung", sagt Simons. "Ich habe der Arbeit den klaren Vorzug vor meiner Freundin gegeben." Schließlich sei doch auch sein Verhältnis zum Job "sehr intim" gewesen, meint der 28-Jährige.

Doch die Liebe zur Arbeit erwies sich als kurzlebige Affäre - heute ist das Unternehmen pleite, er selbst arbeitslos. Und was läge da näher, als die Liebe zu seiner Ex-Freundin wieder anzufachen? "Zu spät", sagte die und wies den Ex-Freund kühl zurück. "Ich will die erste Wahl sein, wenn alles richtig gut läuft, nicht die zweite Wahl, wenn etwas schief geht", meint die 28-jährige Anna Binder. Pech für Simons.

Arbeitslos und solo statt reich und begehrt

Er ist jetzt einsam - aber mit seinem Leid keineswegs allein. Seit dem Ende des Internet-Wahns ist die Partnersuche ein schwieriges Thema im Silicon Valley und anderen amerikanischen High-Tech-Hochburgen. Statt reich und begehrt sind die selbst ernannten Traummänner jetzt arbeitslos und solo. Kein Job, kein Geld und keine Liebste - bleibt das Bedürfnis, diese Situation möglichst schnell zu ändern.

Ausgerechnet eine Internet-Seite profitiert von der Misere: Craigslist.org , auf der einsame Herzen nach einem Partner in der Nähe suchen können, ist seit dem Börsensturz beliebter als je zuvor. Allein in der Kategorie "Männer suchen Frauen" gibt es pro Woche für San Francisco und Umgebung mehr als 1 000 Einträge, im September waren es nicht einmal halb so viele. "Der Druck, sehr lange zu arbeiten und wahnsinnig viel Geld zu verdienen, ist weg", meint Craigslist-Gründer Craig Newmark. "Die Leute führen wieder ein Leben außerhalb der Arbeit."

Zumindest, bis sie wieder einen Job haben: So stellt einer der liebeshungrigen Craigslist-Inserenten von vorneherein klar, dass er nach mehreren Monaten Arbeitslosigkeit nur noch eine Woche Zeit bis zum nächsten Job hat - für die wenigen verbleibenden freien Tage sucht er eine Gespielin. Danach übernimmt der Job wohl wieder die erste Geige in seinem Leben.

Zeitbudgets lassen wieder Raum für Privates

Ein anderer Single-Mann aus San Francisco, der seinen Job verloren hat, will gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sein Jagdrevier sind die Pink Slip Partys, auf denen sich Arbeitslose aus der neuen Wirtschaft möglichen neuen Arbeitgebern präsentieren. In seinem Inserat sucht der "gerade gefeuerte, gut aussehende, reife, humorvolle Direktor für Geschäftsentwicklung" nach einer jungen Frau, die bei einem Drink gemeinsam mit ihm über den miesen Job-Markt lachen und lästern will.

Frauen, die im Silicon Valley nach gut aussehenden, charmanten, jungen Herren suchen, wundern sich über die ungewohnt große Auswahl. "Auf einmal sind die Leute hier sehr verfügbar geworden", berichtet Pamela Chuey, Marketing-Chefin bei einem Unternehmen, das sich auf mobile Anwendungen konzentriert. Sich mit ehemals heiß begehrten Wagniskapitalgebern, Fondsmanagern oder Vermögensverwaltern zu verabreden, sei überhaupt kein Problem mehr. Sogar ein Besuch der Oper oder eines Konzerts unter der Woche sei jetzt möglich - noch vor einem Jahr galten Abende zwischen 8 und 10 Uhr als beste Arbeitszeit, die niemand für Privates opfern wollte.

So richtig genießen kann Chuey die neue Aufmerksamkeit der Männer aber nicht: Die Klagen über das schwindende Vermögen und das Lamentieren über die schlechten Aussichten im Technologiesektor nerven sie zu sehr. "Das kann einem den Abend ganz schön verderben", klagt die 37-Jährige. "Ich will ja keine Therapeutin oder Persönlichkeitstrainerin für Ex-Vorstände in der Krise sein."

Das Geld sitzt nicht mehr so locker

Und so richtig verwöhnt werden die potenziellen Partnerinnen auch nicht mehr: Vorbei sind die Zeiten, in denen Aktien-Millionäre ein kleines Vermögen für Essen, edlen Wein und Champagner in einem der besseren Restaurants in den Metropolen an der Ost- oder Westküste ausgaben - sparen ist angesagt.

"Bevor ich mich verabrede, frage ich mich: Ist das eine Frau, für die ich 100 Doller locker machen will?", gesteht Michael Sokolow, Gründer der Online-Immobilienbörse Property Rover. Im Zweifel trifft er sich mit weiblichen Bekanntschaften lieber zu Aktivitäten, die sich auch ohne goldene Kreditkarte finanzieren lassen. Sein Favorit: Spaziergänge im New Yorker Central Park.

Sollte der Ausflug dann doch teurer werden als geplant, zahlt Sokolow - zähneknirschend. Denn eine Frau darum zu bitten, die Rechnung zu bezahlen, das lässt sein Stolz nicht zu: "Aber, Mädels, es wäre schon sehr nett, wenn ihr es von Euch aus anbieten würdet", bittet er mögliche Kandidatinnen. Doch es ist weder billiger geworden, die Herzen der Damen zu gewinnen, noch einfacher: "Wenn ich Frauen im vergangenen Jahr erzählt habe, dass ich für ein Internet-Startup arbeite, haben sich ihre Augen geweitet und wurden sehr eindeutig", erinnert er sich.

Aus der Arbeitslosigkeit lernen

Manchem Möchtegern-Internet-Millionär hat die plötzliche Arbeitslosigkeit auch privat den Mut geraubt. "Ich habe einfach nicht das Selbstvertrauen, jetzt eine neue Beziehung anzufangen", sagt Marc Steel, der ehemals als Manager für Geschäftsentwicklung bei einem Online-Anbieter für Sportinformationen und Bekleidung arbeitete. Heute hält er sich mit Tennis-Stunden und gelegentlichen Wirtschaftsberatungen über Wasser. "Ich möchte nicht der Typ sein, der in Bars sitzt und Frauen anspricht - nach dem Motto: Nimm mich, ich bin arbeitslos, ich habe nichts zu bieten", sagt der dunkelhaarige und durchtrainierte 28-Jährige. "Bevor ich an eine Partnerin denken kann, muss ich erst mein eigenes Leben wieder auf die Reihe bekommen."

Denn für Steel, der sich selbst als etwas altmodisch beschreibt, gelten traditionelle Werte: "Ich möchte meine künftige Frau versorgen können, ganz gleich, ob sie selbst arbeitet oder nicht, vielleicht ein Haus kaufen - alles was dazu gehört - und davon bin ich zurzeit noch weit entfernt."

Derzeit versucht er, aus seiner Arbeitslosigkeit zu lernen. "Ich kann Wichtiges jetzt besser von Unwichtigem in meinem Leben unterscheiden", sagt er, und so gesehen sei die Misere durchaus eine positive Erfahrung. Habe er wieder einen Job, sei er auch als Person reifer geworden, glaubt er - was schließlich auch in der Beziehung zu einer Partnerin helfe.

Die Notwendigkeit, reifer und erwachsener zu werden, hat auch Jesse Simons erkannt, der seine Freundin wegen des Jobs verließ. Der Ex-Chef von Non Stop Net praktiziert jetzt Yoga und liest Ratgeber wie "Die sieben Wege zur Effektivität" und "Durchstarten zum Traumjob": "Ich konzentriere mich darauf, mich erst einmal selbst richtig kennen zu lernen", sagt er. "Erst wenn mir das gelungen ist, kann ich auch wieder mit einem anderen Menschen zusammen sein."


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