Märchenerzähler
Die Stoibermacher

Der Kandidat ist Bayer, konservativ, blass. Eigentlich. Aber er wirkt anders. Aus Stoiber ist die Marke Stoiber geworden. Sein Berater Spreng hat sie geschaffen, die Union liefert Timing und Themen. Jetzt geht nur noch die Angst um, der Kandidat könne aus der Rolle fallen.

BERLIN. Da steht er nun, der Pappkamerad und schenkt lebensgroß allen sein gewinnendes Wahlkampflächeln. Er ist ganz bei sich: Gut sieben Mal lächelt Edmund Stoiber von der aufrechten Pappe und von Postern mit sich selbst um die Wette. Im Wahlkampfbüro von Michael Spreng ist die Frage, wer hat das schönste Lächeln im ganzen Land, längst beantwortet.

Wahlkampfzeiten sind Märchenzeiten. Die Märchenerzähler heißen heute "persönliche Wahlkampfberater" oder Wahlkampfmanager. Stoibers Märchenonkel heißt Michael Spreng. Bei der "Bild am Sonntag" war er ein erfolgreicher Chefredakteur. Dort hat er viele Märchen erzählen lassen. Vom bösen Politiker und den braven Menschen zumeist. Jetzt ist alles anders. Jetzt erzählt der 53-Jährige das Märchen vom hässlichen Frosch, der ein schöner Prinz wird. Bei Spreng heißt er Edmund.

Spreng ist ein hervorragender Märchenerzähler. Sein Prinz kommt beim Publikum an. Die Umfragen sagen ihm und der Union den Wahlsieg voraus. Offenbar stört es nur wenig, dass kaum einer weiß, was wirklich ist und was Image. Liegt aber vielleicht gerade da der Erfolg des Edmund Stoiber?

"Politischer Inhalt und Image müssen zusammenpassen, sonst funktioniert das nicht", beteuert Spreng mit treuen blauen Augen. "Meine Aufgabe ist es dabei, die Klischees über Stoiber peu à peu zu zertrümmern", sagt er und lächelt.

Zertrümmern also. Zum Beispiel wenn es um die Vorstellungen der Leute vom "Biedermann Stoiber" geht. Wenn sich die Leut? verfangen im Klischee vom Provinzler aus Wolfratshausen mit dem reaktionären Familienbild und dem verkrampften Verhältnis zu den Frauen. Bei solch tiefem Vorurteil muss der so betont sanftmütig auftretende Spreng fast Gewalt anwenden. Denn solche Klischees muss er "aufbrechen".

"Charmant, überzeugend und locker"

So schickte er den bayerischen Ministerpräsidenten jetzt in die "Höhle der Emanzen", wie er einen Termin beim Lifestyle-Magazin "Cosmopolitan" zum Ausweis höchster Zivilcourage adelt. "Cosmopolitan" ein Hort deutscher Emanzen? Aber egal. Der bayerische Ministerpräsident war mit der festen Überzeugung hingegangen, sich nicht für 34 Jahre Ehe zu entschuldigen. Er redete davon, dass ein "Ehemann tolerant sein muss" und sein Ego nicht über die Gemeinschaft stellen dürfe. Und wurde gleich noch die schöne Geschichte los vom Vater, der es seinen Töchtern Constanze und Veronica erlaubt, mit völlig unterschiedlichen Lebensentwürfen ins Leben zu ziehen. Von wegen erzkonservativ und provinzlerisch. Aufgeschlossen und modern ist er. Und unter einer Frau arbeiten würde er auch! "Charmant, überzeugend und locker" - die Chefredakteurin des Blatts war hingerissen.

Derlei Inszenierungen nennt Stoibers Sprengmeister alter Klischees "exemplarisch". Beispielhaft nämlich tauscht der frühere "Bild"-Macher die alten Bilder mit neuen aus: Aus dem Biedermann wird der tolerante Freigeist, aus dem CSU-Politiker der Gewerkschaftsfreund, aus dem Europa-Fresser der Euro-Fan, aus dem Bauernlobbyisten der Tierschützer, aus dem konservativen CSU-Vorsitzenden Mann der Mitte. So macht Spreng aus einem hölzernen Mann den "ernsten Mann für ernste Zeiten".

Spreng weiß um den Spagat: Die Kluft zwischen Stoiber alt und Stoiber neu darf nicht zu groß sein. "Viele Leute haben zwar die Nase voll von Schröder. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie auch Stoiber wählen." Also versteht er sich klug als "Brückenbauer" für Überläufer, für die Wechselwähler. Die hat er im Auge, die will er haben. Sein Leitmotiv strotzt vor Selbstbewusstsein: "Wir wollen keine Sekte gründen, wir wollen die Mehrheit!"

Die Mehrheit haben Spreng-Stoiber schon lange im Visier. Irgendwann im vergangenen Jahr, lange bevor der Kanzlerkandidat der Union offiziell gekürt war, haben sich die beiden zum "Handschlag-Engagement" (Spreng) getroffen. Da wurde er der Berater des Bayern. Über die Strategie waren sie sich schnell einig: Konsens statt Polarisierung, Mäßigung statt Konfrontation, Kompetenz statt Attacke. Auf keinen Fall in die Rechtsfalle tappen. Immer schön in der Mitte bleiben. Lieber SPD spielen als CSU raushängen lassen.

Denn sie glaubten zu wissen, dass die Rechten und ganz Rechten sowieso keine Alternative zum Bayern finden würden. Dass die Randdemokraten zu Hause blieben oder einen anderen als den CSU-Mann wählen würden: undenkbar. Doch jetzt ist Möllemann da. Und plötzlich ist das Ausländerthema wieder en vogue. Und das Zuwanderungsgesetz. Das wird noch lustig.

Von Schröder lernen: Nur nicht festlegen

Damals im Winter aber, da hatten sie ein Vorbild, wie man es macht: Gerhard Schröder. Vor allem hat der ihnen 1998 beim Wahlkampf vorgemacht, dass man keine scharfen Konturen und keine präzisen Aussagen nötig hat, um Kanzler zu werden. So war?s 1998, und so ist es 2002. "Es liegt auf der Hand, dass wir aus 1998 Lehren gezogen haben", rekapituliert Spreng. Die häppchenweise Vorstellung neuer Mitglieder im "Kompetenzteam", von Lothar Späth und Günther Beckstein, von Annette Schavan und Horst Seehofer - und auch die fehlende Griffigkeit der Wahlaussagen: von Schröder abgeguckt: Nur nicht festlegen, nur nicht angreifbar machen.

Am Reißbrett des Märchenkanzlers Edmund zeichnete seither eine ganze Riege von Mitarbeitern: allein in München sind es der Amtschef der Staatskanzlei, Stoibers Vertrauter Walter Schön, der Leiter des Planungsstabs, Friedrich Wilhelm Rothenspieler, der Pressechef der Staatskanzlei, Ulrich Wilhelm, und natürlich CSU-Generalsekretär Thomas Goppel.

"Doch die haben hier in Berlin nichts zu melden. Deren Radius ist auf den Freistaat beschränkt", weiß einer aus dem Stoiber-Team, der nicht genannt werden will. Auf ihrem eigenen Terrain, das wird man verstehen, will die Chefin Angela Merkel das Heft in der Hand behalten, da werde "die Musik gespielt", zu der Stoiber auftanzen darf. Neben der Chefin sind es vor allem CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer, CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz und Ex-Parteichef Wolfgang Schäuble, die Melodie und Takt vorgeben. Denn sie kennen die Umfragen genau: Stoiber ist nicht unpopulär, aber Schröder ist besser. Vorne liegt, und das zählt, die CDU/CSU.

Kein Wunder, dass sich der oberste Wahlkampfchef, Generalsekretär Laurenz Meyer, selber richtig gut findet. "Entscheidend für unseren Erfolg sind zwei Punkte: erstens die schlüssige Strategie, zweitens, noch wichtiger, dass die Union sofort nach Stoibers Nominierung geschlossen hinter dem Kandidaten stand." Denn es ist seine Strategie und die von Angela Merkel, die da funktioniert: der entscheidende Parteitag erst spät im Dezember 2001 - nach allen anderen Parteien; die späte Nominierung Stoibers - auch wie 1998 bei Schröder; und auch die Konzentration "voll auf die Sachsen-Anhalt-Wahl" (Meyer) war von Erfolg gekrönt. Viel Geld wurde in diesen Wahlkampf gepumpt. "Perfekt", lobt sich Meyer selbstzufrieden.

Sein Logbuch fordert Disziplin. Jeden Tag um Viertel vor acht Uhr bespricht sich der Kern der Wahlkampftruppe, die "Big Six", in Telefonkonferenzen. Parteichefin Angela Merkel, Friedrich Merz, type="unknownISIN" value="CSU">CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, CSU-Generalsekretär Thomas Goppel, Edmund Stoiber. Aber auch Wolfgang Schäuble und CDU-Präsidiumsmitglied Christian Wulff schalten sich ein.

Jour fixe ist Mittwoch in der CDU-Parteizentrale, wenn das " Team 40 plus" und alle, die es politisch etwas angeht, die nächste Aktion planen. Spreng hört da nur zu. Zu Inhalten soll er nichts sagen. Er ist für die Verkaufe zuständig, Etat: 25 Millionen Euro.

So auch vor ein paar Wochen, als ein neues "exemplarisches Event" mit Stoiber anstand und der Berater die dazu passende "Location" fand. An jenem Tag stellte der Kandidat der Öffentlichkeit sein elektronisches Fotoalbum, die persönliche Web-Site, vor: "stoiber.de". Wo? Na logo, in der Hauptstadt, im "Sushi & Surf"-Café, in einem Souterrain in der Oranienburger Straße in Berlin Mitte, vor dem abends die Mädchen mit den hohen Stiefel stehen. Ganz hip, ganz cool, ganz jung war man da. Und der fesche Kandidat mittenmang.

Wer denkt da noch an "Klarsichthüllen-Edi", an den Trachtenanzüge tragenden "Aktenhengst Stoiber", den "Erzkonservativen" oder gar an das "blonde Fallbeil", an den Miterfinder des Anti-Ausländer-Wahlkampfes in Hessen?

Richtig: nur die SPD. Und die macht so "einen furchtbaren Fehler", wie Michael Spreng fast mitleidig rezensiert. Die Genossen sind wieder mal die Letzten, die noch das Klischee vom "rechten Stoiber" mit sich herumschleppen. Denn sie wissen nicht, was der einstige Boulevard-Mann aus Erfahrung längst weiß: Das Klischee bestimmt das Bewusstsein. Zumal in der Medienwelt.

Und ganz besonders im Fernsehen. Kein Wunder also, dass in diesen Tagen das doppelte TV-Duell, der Polit-Showdown zwischen Schröder und Stoiber vor Millionen Wählern, die Macher bewegt. Doch bei diesem Thema hört Sprengs Leutseligkeit auf, da wird er plötzlich vage und will rein gar nichts von einem Trainingsprogramm für seinen Schützling wissen. "Darüber, wie sich Stoiber konkret auf das Duell vorbereitet, haben wir noch gar nicht intensiv nachgedacht", will er einem da glatt weismachen. Doch er wäre nicht Kanzlermacher, hätte er nicht doch die Gewissheit im Köcher: "Die Form wird Herrn Stoiber entgegenkommen." Denn alles wird "sehr formalisiert" ablaufen mit festgelegten Minütchen-Statements und einem kurzen Nachfrage-Ritual, das sich im Sekunden-Takt bemisst. Hin und her, einmal, zweimal, aus. Unberechenbare Wortduelle, Live-Atmosphäre soll es nicht geben. Das echte Leben kann der Kandidat nicht gebrauchen.

Stoiber braucht das starre Korsett

Stoiber, das wissen alle in der Union, braucht das starre Korsett. Dort fühlt er sich geborgen. Und das ist das tatsächlich "Exemplarische" der Wahlkampfstrategie, der Methode Spreng, die den Kontakt des Kandidaten mit der unberechenbaren Wirklichkeit ausschalten will. Deshalb wird es auch kaum publikumsnahe, schweißtreibende und bierselige Großkundgebungen geben, mit denen ein Franz-Josef Strauß oder ein Helmut Kohl durch die deutschen Lande walzten. "Die Großveranstaltung als Wahlkampfmittel", doziert Spreng getragen, "hat nicht mehr die Bedeutung wie früher."

Hinter so viel scheinbar abgeklärter Fürsorge steckt die Angst vor dem einen, fatalen, alles entscheidenden Ausrutscher. Schon Stoibers Blackout bei Christiansen, als er die Moderatorin mit "Frau Merkel" ansprach, hat den Stoiber-Skeptikern im Adenauer-Haus das Blut in den Adern gefrieren lassen. Nie wieder!

Die deshalb geplante Eingrenzung der Gefahrenzone muss den bereits abgeschirmten Kandidaten unangreifbar machen. "Wir schützen den Kandidaten ganz gut vor der Realität", gibt ein Parteifreund Stoibers zufrieden zu.

Da suchen zwar jetzt einige in der CDU nach dem Unverwechselbaren, dem Authentischen, doch das muss Spreng unterbinden. Im Märchen vom schönen Prinzen Edmund würde der Einbruch der Wirklichkeit nur Schaden anrichten. Denn aus dem verzagten Frosch soll ja der Prinz "Kantig. Echt. Erfolgreich" werden.

Aber kantig? Nein. Aber echt? Nein. Aber erfolgreich? Ja doch. Und das reicht. Bei allem Zwang zu Nüchternheit spricht doch lautes Siegesbewusstsein aus den Worten des "Generals" und des "Märchenerzählers", wenn die vor den letzten 100 Tagen Kampf schon ihr Resümee ziehen: "Uns kann nur noch etwas Unvorhergesehenes schaden."

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