Märkte schauen auf die Europäische Zentralbank
Gute Chancen für Jahresschlussrally

Ganz zu retten ist das Börsenjahr 2002 nicht mehr. Aber es mehrt sich die Hoffnung, dass bis Silvester das Kurs-Desaster noch etwas von seinem Schrecken verliert - falls es keine weiteren Enttäuschungen gibt.

DÜSSELDORF. In 40 der letzten 49 Jahre ist die Börse in New York am Tag vor und am Tag nach Thanksgiving gestiegen, wie das Wall Street Journal nachgerechnet hat. Die verkürzte Freitagssitzung, eingeklemmt zwischen den Feiertag und das Wochenende, endete jedoch mit einem leichten Kursverlust. Ist das ein schlechtes Omen?

Nicht unbedingt. Denn trotz des schwächelnden Freitags endete die Thanksgiving-Woche insgesamt mit einem kleinen Kursgewinn - und war damit die achte Gewinnwoche in Folge. Der Dow Jones Index hatte mit einem Plus von zwölf Prozent den größten Zweimonats-Gewinn seit 1987. Auch für Europa ergeben sich erstaunliche Werte: Der Stoxx 50 stieg ebenfalls zwei Monate in Folge und wies mit einem Plus von 15 % die beste Entwicklung für einen derartigen Zeitraum seit 1999 auf. Am Freitag waren aber auch hier die Kurse niedriger, der Dax sank um 1,2 % auf 3320 Punkte.

Weil es bis zum Jahresende nur noch ein Monat ist, mehrt sich jetzt die Hoffnung, es könnte noch eine Weile so weiter gehen. Manch ein Unternehmen, vor allem aus der Versicherungsbranche, könnte für die Bilanz zum 31.12.2002 durchaus noch höhere Kurse gebrauchen.

Die meisten Börsianer sind sich einig, dass die Stimmung einen weiteren Aufschwung tragen würde. "Wir sehen gute Anzeichen, dass die Erholung startet", sagte etwa Carsten Gerlinger von der DZ International in Luxemburg der Nachrichtenagentur Bloomberg. Der eine oder andere befürchtet allerdings, dass die Kurse zu schnell steigen und damit schon wieder der Keim für den nächsten Einbruch gelegt wird. "Wir sollten bleiben, wo wir sind, bis wir einen besseren Einblick in das vierte Quartal und das erste Quartal 2003 haben", sagte zum Beispiel James Awad von Awad Asset Management in New York. "Wenn wir noch weiter hoch gehen, dann geschieht das auf Kosten des kommenden Jahres", setzte er hinzu.

Noch fehlt der Börse ein deutlicher Trend zu steigenden Gewinnen bei den Unternehmen, der die höheren Kurse unterstützen bzw. trotz der Rally das Bewertungsniveau im Rahmen halten würde. Aber in der vergangenen Woche haben einige volkswirtschaftliche Indikatoren in den USA zumindest den Eindruck erweckt, es gehe bald aufwärts. Weil die Börse gern den realen Entwicklungen vorausläuft, könnte also die Rally noch eine kleine Weile stabil bleiben.

Schon heute werden allerdings in den USA neue Zahlen bekannt gegeben: Das Institute of Supply Management (ISM) veröffentlicht seinen Produktions-Index für November. Die Furcht vor einer möglichen Enttäuschung bei dieser Kennzahl war ein Grund für den leichten Dämpfer am vergangenen Freitag.

Ein weiteres Thema dieser Woche dürfte die für Donnerstag erwartete Senkung der Leitzinsen durch die Europäische Zentralbank (EZB) sein. Der Schritt gilt bei vielen Experten schon als lange überfällig und wurde wahrscheinlich vor allem deswegen so herausgezögert, weil die EZB beweisen wollte, dass sie sich weder unter Druck setzen lässt noch sich einfach ins Schlepptau der US-Notenbank begibt, die zuletzt am 6. November kräftig heruntergegangen war. Offen ist, ob die EZB die Zinsen und 0,25 oder 0,5 Prozentpunkt senken wird. Die Märkte haben möglicherweise den größeren Schritt in die Kurse eingespielt. Aber selbst eine kleine Enttäuschung dürfte keine zu großen Auswirkungen haben - letztlich schaut die Börse mehr auf die US-Notenbank. Von der ist allerdings nach den guten Konjunkturzahlen vorerst nichts mehr zu warten.

Quelle: Handelsblatt

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