Märkte wünschen Zinssenkung
Kommentar: Hilferuf

An den Märkten jagt eine Enttäuschung die andere. Kaum hat US-Notenbankchef Alan Greenspan die Hoffnung der Anleger auf eine starke Zinssenkung nur zum Teil erfüllt, kommt schon die nächste Hiobsbotschaft.

Das Stimmungsbarometer der deutschen Unternehmen, der Ifo-Geschäftsklimaindex, ist deutlich stärker als erwartet gefallen. Das lässt nichts Gutes für die heimische Industrieproduktion erahnen und damit letztlich für die Entwicklung der Unternehmensgewinne. Nur hohe Erträge der börsennotierten Gesellschaften sind jedoch der Treibstoff für wieder steigende Aktienkurse. Die Investoren werden also wohl oder übel noch länger mit dem jetzigen Bärenmarkt zurechtkommen müssen. Bessere Zeiten sind momentan nicht zu erkennen.

In dieser Situation ist die Europäische Zentralbank (EZB) aus Sicht der Märkte gefordert. Sie kann nicht länger an ihrer abwartenden Haltung festhalten, sondern muss beherzt handeln. Die Börse baut auf die Notenbank und hofft auf eine baldige Lockerung der Geldpolitik, die vielfach bereits im April erwartet wird. Ein erster Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte wäre dabei durchaus angebracht. Der EZB kann nicht daran gelegen sein, dass es zum großen Krach an den Finanzmärkten kommt. Sie muss über ihren Schatten springen und dabei eher zu früh als zu spät handeln. Denn die Stimmung an den Märkten ist schlecht, sehr schlecht. Verkaufsaufträge übertreffen Kauforders in diesen Tagen um ein Vielfaches. Die Manager von Investmentfonds sitzen inzwischen auf Barmitteln, die in diesem Ausmaß bisher nur selten gesehen wurden. Sie trauen sich offenbar nicht, diese anzulegen. Und die Privatanleger fühlen sich total verunsichert.

Unsichere Situation in Schwellenländern

Angesichts der vielen Gewinnwarnungen der Unternehmen weltweit kann das nicht überraschen. Hinzu kommt die unsichere wirtschaftliche und politische Situation in Schwellenländern wie Argentinien und der Türkei. Auch die immer wieder auftauchenden Spekulationen über weitere Bankenpleiten in Japan lassen so manchen Besitzer von Aktien erzittern. Daran können auch die geplanten Hilfsmaßnahmen der japanischen Regierung zur Lösung des Problems Not leidender Kredite nichts ändern. Der Kurssprung in Tokio zur Wochenmitte dürfte nur kurzfristig gewesen sein. Außerhalb Japans jagen Handelshäuser wie Nomura den Märkten zudem aus einem anderen Grund Angst und Schrecken ein: Das Geschäftsjahresende steht bald bevor, und es halten sich die Gerüchte, dass Wertpapiere in den USA und in Europa massiv verkauft werden, um Verluste in Japan auszugleichen. Dabei ginge es nicht mehr nur um die viel gescholtenen Technologiewerte, sondern auch um Standardwerte, die bereits jetzt über alle Branchen hinweg auf Talfahrt sind.

Nun ist eine Zinssenkung durch die EZB kein Allheilmittel, das die Situation plötzlich total verändert. Natürlich müssen die Anleger auch hohe Kursverluste verkraften können, wenn die Erwartungen zuvor kräftig über das Ziel hinausgeschossen sind und nun wieder auf ein Normalmaß korrigiert werden. Schließlich sind Aktien nicht nur Chancen-, sondern auch Risikopapiere. Doch die Märkte neigen zu Übertreibungen. Die Gefahr ist groß, dass bald alles viel zu pessimistisch gesehen wird. In dieser wackeligen Situation sollte die EZB als einfühlsamer Psychologe agieren. Ein Psychologe, der nicht panisch und verschreckt, aber auch nicht bockig und widerstrebend reagiert, sondern sich sensibel verhält. Ein kleiner Zinsschritt wäre deshalb das richtige Maß. Er ließe bei den Aktionären wieder neues Vertrauen in eine mittelfristig bessere Zukunft an den Aktienmärkten aufkeimen. Die Inflation geriete dabei nicht in Gefahr.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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