Magere Erholung der deutschen Konjunktur
Kein Wirtschaftswachstum aus eigener Kraft

Die Wachstumszahlen für Deutschland im ersten Quartal belegen: Es gibt mehr Schatten als Licht. Die Schwächen liegen eindeutig im Inland. Vor allem bei den Ausrüstungsinvestitionen ist noch keine Belebung in Sicht.

ari/huh/sm DÜSSELDORF/BERLIN. Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit Jahresbeginn wieder auf Wachstumskurs. Die Erholung fiel im ersten Quartal allerdings mager aus. Bankvolkswirte bleiben dennoch zuversichtlich, dass die Konjunkturdynamik im laufenden zweiten Quartal etwas stärker wird, selbst wenn sich das Ifo-Geschäftsklima im Mai erneut verschlechtern sollte. Die Bundesregierung setzt wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) auf eine verstärkte, von der Weltkonjunktur angeregte Erholung in der zweiten Jahreshälfte. Die Union und die Arbeitgeberverbände sind dagegen skeptisch.

Zum Vorquartal stieg das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) saison- und kalenderbereinigt um 0,2 %. Nach amerikanischer Lesart würde dies auf ein Jahr hochgerechnet 0,7 % bedeuten, also nur einen Bruchteil der Rate von 5,8 %, die die USA nach einer ersten Schätzung in den ersten drei Monaten erreicht hatten.

Negativ fällt der Vergleich zur Vorjahreszeit aus. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes war das deutsche BIP im ersten Quartal 1,2 % niedriger als Anfang 2001. Italien und die Niederlande haben nach ersten Berechnungen besser abgeschnitten. Selbst wenn man berücksichtigt, dass es in den ersten drei Monaten 2002 zwei Arbeitstage weniger gab als ein Jahr zuvor, bleibt für Deutschland ein BIP-Rückgang um 0,2 % nach Stagnation im vierten Quartal 2001.

Die Liste der Schwächen in der größten Volkswirtschaft der Europäischen Union ist lang, die der Stärken kurz. Wieder einmal war Deutschland nicht aus eigener Kraft zu Wachstum in der Lage. Die Inlandsnachfrage sank im Jahresvergleich um 2,8 % und fiel zudem 1,4 % niedriger aus als im Vorquartal. Kompensiert hat diesen Rückgang die robuste Nachfrage aus dem Ausland, wobei den deutschen Exporteuren - noch - die Euro-Kursschwäche half. Der Außenbeitrag wuchs deutlich und leistete im Quartalvergleich einen preisbereinigten Wachstumsbeitrag von 1,6 Prozentpunkten. Entscheidend war nicht nur der Anstieg der Exporte um 1,9 %, sondern auch der Rückgang der Importe um 2,9 % - für Andreas Scheuerle von der DGZ-Deka-Bank sind sie "Spiegelbild der Schwäche der Binnenkonjunktur". Die Erholung stehe noch auf "wackeligen Beinen".

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das im Vorfeld noch ein leichtes Schrumpfen des BIP prognostiziert hatte, ist deshalb skeptisch. Ein Grund für das leicht gestiegene BIP seien die rückläufigen Importe, sagte DIW-Konjunkturexperte Gustav Adolf Horn. Dieser Rückgang sei jedoch ein Ausdruck konjunktureller Schwäche. Zwar gehe er weiter davon aus, dass der Aufschwung im zweiten Quartal beginne, doch könne das Plus sehr mager ausfallen, sagte Horn.

Die Schwächen zeigen sich zum einen bei den privaten Konsumausgaben, die immerhin fast 60 % vom BIP ausmachen, zum anderen bei den Investitionen. Der private Konsum sank zum Vorquartal um 0,3 % - zum dritten Mal in Folge. Gleichzeitig nahm die Sparquote zu. Sorgen um den Job bei rückläufiger Beschäftigung und steigender Arbeitslosigkeit haben die Konsumlust der Verbraucher genauso gedämpft wie der Ölpreisanstieg, die Verteuerung von Dienstleistungen im Zuge der Euro-Bargeldeinführung, die Erhöhung der Öko-, Tabak- und Versicherungssteuern sowie der Krankenkassenbeiträge. Insbesondere bei Bekleidung, Schuhen, Möbeln, Haushaltsgeräten, Freizeitgestaltung und Kultur wurde der Rotstift angesetzt.

Auch ein verschärfter Lagerabbau bremste das Wachstum. Er kostete im Quartalsvergleich 1,2 Wachstumspunkte. Viele Bank-Ökonomen, so Elga Bartsch von Morgan Stanley, gehen aber davon aus, dass der Lagerabbau sich nicht weiter verstärkt.

Schwerwiegend sind insbesondere die Bremseffekte durch die Ausrüstungsinvestitionen, die zum Vorquartal seit Ende 2000 schrumpfen - zuletzt um 2,7 %. Gegenüber der Vorjahreszeit hat sich der Einbruch auf ein Minus von gut 13 % verschärft (Grafik). Bei den Bauinvestitionen gab es dagegen erstmals nach neun Quartalen mit Rückgängen einen kleinen Lichtblick: Sie waren vermutlich auch witterungsbedingt 0,5 % höher als im vorherigen Quartal. Im Jahresvergleich hielt die Talfahrt jedoch an (-5,4 %). Wegen des Sparkurses der öffentlichen Hand rechnet beispielsweise das Institut für Wirtschaftsforschung Halle nicht damit, dass gerade in der ostdeutschen Bauwirtschaft die Talsohle schon erreicht ist. Die Bauinvestitionen in den neuen Ländern schrumpfen immer noch fast drei Mal so schnell wie im Westen.

Lediglich Ausgaben für sonstige Anlagen wie EDV-Software wachsen weiter robust. Ihr Anteil am BIP ist aber viel zu gering, um ein Gegengewicht zu den stark gedrosselten Maschinen- und Fahrzeuginvestitionen zu bilden. Bankvolkswirte sind skeptisch, dass sich die Investitionen rasch erholen. Die Gründe: der Rückgang der Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 5,9 % in Jahresfrist und die Gefahr relativ hoher Tarifabschlüsse. Auch der Konjunkturexperte des HWWA-Instituts in Hamburg, Eckhardt Wohlers, zeigte sich über den anhaltenden Rückgang der Investitionen besorgt. Es bestehe aber noch kein Anlass, das Frühjahrsgutachten zu revidieren. Es prognostiziert ein Wachstum von 0,9 % in diesem Jahr. Wohlers sieht zwar noch keinen Umschwung, aber immerhin eine Stabilisierung der Konjunktur.

Das Bundesfinanzministerium sprach ebenfalls von einer Stabilisierung "mit aufwärts gerichteter Tendenz". Deutschland stehe "am Beginn eines Aufschwungs". Die geringe Inflation liefere die Voraussetzung für einen spannungsfreien Verlauf. Dagegen sieht der wirtschaftspolitische Sprecher von CDU/CSU, Matthias Wissmann, keine Anzeichen für einen Aufschwung. Die rot-grüne Politik mit hohen Hemmnissen für zusätzliche Arbeitsplätze und einer zu hohen Staatsquote verhindere Investitionen der Unternehmen.

Auch die Wirtschaft beurteilte die jüngsten Daten unterschiedlich. BDI-Präsident Michael Rogowski erwartet trotz Sorgen über die jüngste Euro-Aufwertungstendenz ein Wachstum von 1 %. Dagegen befürchtet Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, dass das Wachstum kaum höher sein wird als 2001 mit 0,6 %. "Damit stehen wir in der EU-Wachstumsliga weiter auf einem Abstiegsplatz", betonte Hundt.

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