Magie oder fauler Zauber?
Harry Potter und das große Geschäft

Die Händler erwarten Umsätze wie sonst nur vor Weihnachten. Für den Internet-Buchhändler Amazon ist der neue «Harry Potter» die «größte Lancierung eines einzelnen Produktes in unserer Geschichte». Noch nie wurde eine Erstauflage in so hoher Zahl gedruckt: 3,8 Millionen allein in den USA. Noch nie lagen so viele Vorbestellungen für ein Buch vor: 282 650 acht Tage vor dem Erscheinen.

dpa LONDON. Schwer bewacht rollen 70 gepanzerte Transportwagen über Englands Straßen. Ihre Fracht ist streng geheim. Aber es geht nicht um Waffen- oder Atommülltransporte - es geht um Kinderbücher. Mill. Mal das gleiche Buch: "Harry Potter and the Goblet of Fire" (etwa: Harry Potter und der Feuerkelch). Wenn der vierte Band der Bestsellerserie an diesem Freitag ausgeliefert wird und am Samstag in die Buchhandlungen kommt, endet eine Geheimhaltungsstrategie, die zahllose Fans an den Rand der Hysterie gebracht hat.

Vielerorts in Großbritannien und den USA - die deutsche Ausgabe erscheint erst am 14. Oktober - wollen die Verehrer des jungen Zauberlehrlings am Freitagabend in Schlafsäcken vor den Buchläden campieren und ab Mitternacht gleich mit dem Lesen beginnen. Eine Menge Läden werden rund um die Uhr geöffnet sein. Etliche laden ihre Kunden zu Kostümpartys mit Zaubertricks und lebenden Eulen ein. Eulen kommen bei Harry Potter als Boten vor. Sportflugzeuge werden riesige Banner mit dem neuen Buchtitel an Strände Kaliforniens, New Yorks und im Süden der USA entlang fliegen.

Die Händler erwarten Umsätze wie sonst nur vor Weihnachten. Für den Internet-Buchhändler Amazon ist der neue "Harry Potter" die "größte Lancierung eines einzelnen Produktes in unserer Geschichte". Noch nie wurde eine Erstauflage in so hoher Zahl gedruckt: 3,8 Mill. allein in den USA. Noch nie lagen so viele Vorbestellungen für ein Buch vor: 282 650 acht Tage vor dem Erscheinen.

Einer der wenigen Menschen, die das Buch schon gelesen haben, ist die Lektorin Emma Matthewson vom Verlag Bloomsbury. Sogar sie bekam nur ein einziges Exemplar. "Ich habe es überall mit hingenommen, und wenn ich nicht daran gearbeitet habe, habe ich es in einem Banksafe eingeschlossen." Joanne K. Rowling, die schottische Erfinderin des Kinderbuchhelden, hat bisher nur ein einziges Detail aus dem vierten Band verraten, und das hat die Fans zutiefst beunruhigt: Eine der Hauptpersonen wird sterben.

"Ich habe heftig geweint, während ich es schrieb, aber es musste sein", verriet die ehemalige Sozialhilfeempfängerin, die das erste Buch noch auf billigen Papierservietten schrieb. Inzwischen verdient sie mehr als die Spice-Girls, ihr Vermögen wird auf knapp 50 Mill. DM geschätzt. Die drei ersten Bücher haben eine Gesamtauflage von über 30 Mill. Die Aktien des Verlags Bloomsbury stiegen seit 1998 dank Harry um das Achtfache. Nicht nur Kinder, auch zahllose Erwachsene sind dem elf Jahre alten Waisenknaben mit der Nickelbrille verfallen. Wer nicht zugeben will, dass er ein Kinderbuch liest, kann eine Ausgabe mit neutralem Einband bestellen.

Für manchen englischen Literaturkritiker allerdings ist der fast unglaubliche Erfolg der Bücher nur fauler Zauber - ein gigantischer Marketing-Trick, das "am stärksten aufgebauschte Projekt, das die Verlagswelt je gekannt hat" (The Guardian). "Als intellektuelle Herausforderung ist das Lesen von 'Harry Potter' unwesentlich anspruchsvoller als das Konsumieren einer Soap-Serie", kommentiert der "Observer". "Das sind Disneycomics in Prosaform, mehr nicht." Harry Potters Welt sei "erzkonservativ und deprimierend nostalgisch", die Charaktere "völlig schwarz-weiß". Die Tatsache, dass Kinderbücher über viele Monate hinweg die internationalen Bestsellerlisten dominierten, sei ein neues Beispiel für die erschreckende "Infantilisierung der Erwachsenenkultur".

In den USA haben sich sogar Verleger dafür ausgesprochen, Harry Potter von der Bestsellerliste der New York Times zu verbannen - Kinderbücher gehörten da nicht hin. Rowling wehrt sich dagegen. "Die Grenze zwischen Erwachsenen- und Kinderliteratur ist künstlich", sagt sie. "Ich kann sofort eine Liste von aktuellen Kinderbuchautoren runterbeten, die besser schreiben als viele Bestsellerautoren der New York Times-Liste."

Für das amerikanische "Time"-Magazin bringen die Potter-Bücher zwar literarisch "nichts Neues". Ihr Erfolgsrezept - interessante Charaktere in gefährlichen Situationen mit so lange wie möglich hinausgezögertem Schluss - sei so alt wie Homer. "Doch wie Harry Potter-Fans nur all zu gut wissen: Die Zauberformel zu kennen und wirklich zu zaubern, ist zweierlei. Rowling weiß einfach, wie man den Wunsch erfüllt, eine Geschichte nicht nur zu lesen oder zu hören, sondern sie auch zu erleben."

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