Mai macht seinem Namen als Baissemonat alle Ehre
Börsianer erleichtert über Abkühlung der Konjunktur

Im Mai wurden die Börsen von den Spätfolgen der Technologie-Baisse eingeholt. Steigende Geldmarktzinsen und erste Anzeichen einer Konjunktur-Abkühlung verstärkten die Nervosität.

FRANKFURT/M. An den Weltbörsen herrscht das große Zittern. War das Platzen der spekulativen Kursblase in den TMT-Sektoren lediglich eine normale Korrektur oder steckt vielleicht mehr dahinter? Will der Frühindikator Börse etwa künftiges realwirtschaftliches Ungemach ankündigen? Steuert die Weltwirtschaft auf eine Rezession zu? Dies sind derzeit die für Börsianer in aller Welt wohl entscheidenden Fragen im Hinblick auf die Erarbeitung und Umsetzung aktueller Anlagestrategien.

Die Ängste der Anleger scheinen vorerst unbegründet. Bei Abwägung der den Börsentrend bestimmenden politischen, konjunktur- fundamentalen und monetären Einflussfaktoren spricht aus heutiger Sicht vieles dafür, dass die Aktienbörsen in den nächsten Monaten wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten und der unterbrochene Primär-Haussetrend sich fortsetzt.

Statistiker warnen allerdings vor überzogenen Hoffnungen. Ein Blick in die Annalen der US-Börse zeigt z.B., dass Jahre die mit einer "0" enden, aus Sicht der Börse wenig erfolgsversprechend sind. In sieben von zehn Fällen des vergangenen Jahrhunderts waren in solchen Jahren keine Kursgewinne zu erzielen. Dem steht jedoch eine andere Statistik gegenüber: In Präsidentschafts- Wahljahren hat Wall Street meist mit Kursgewinnen geglänzt.

Eine Schlüsselrolle für das Wohl und Wehe der Weltbörsen fällt eindeutig den USA zu, die die "Benchmark" für den Rest der Welt sind. Nicht nur durch steigende Geldmarktzinsen und höhere Energiepreise, sondern auch durch die Wall-Street-Baisse wurde die von der US-Notenbank (Fed) für notwendig erachtete Abkühlung der Konsum-Konjunktur tatsächlich erreicht, wie aktuelle Daten zeigen. Die US-Verbraucher sahen ihren vermeintlichen Reichtum durch die Nasdaq - Baisse der vergangenen beiden Monate dramatisch schwinden. Allein in den USA wurden auf diese Weise - jedenfalls theoretisch - rund 2 Billionen Dollar an potenzieller Kaufkraft vernichtet.

Alan Greenspan - Chef der US-Notenbank - hat die Existenz von Preisstabilität in der Vergangenheit immer wieder als Grundvoraussetzung für die maximale zeitliche Ausdehnung des wirtschaftlichen Aufschwungs bezeichnet. Die Inflationsdaten der ersten Monate dieses Jahres lagen mit mehr als 4 % deutlich über der bei 2 % gesetzten Zielzone der Notenbank. Ursachen dieser Entwicklung waren der steigende Rohölpreis, der boomende Arbeitsmarkt und der bis vor kurzem noch haussierende Aktienmarkt.

Die Nachfrage der US-Verbraucher nach Gütern und Dienstleistungen stieg lange Zeit stärker als das Angebot. Nicht nur die Wall - Street-Baisse, sondern auch aktuelle Daten vom Rohöl- und Arbeitsmarkt lassen inzwischen jedoch auf eine Entspannung schließen. Die Fed sollte also im Vorfeld des Präsidentschafts-Wahlkampfes in der Lage sein, eine neutrale Geldpolitik zu verfolgen und der sechsten Erhöhung der Leitzinsen kein weiteres Bremsmanöver folgen zu lassen.

Anleger haben hohe Liquidität aufgebaut

Dies gilt im übrigen auch für die EZB; denn die Inflation dürfte in Europa ihren Höhepunkt in diesem Zyklus überschritten haben. Ungeachtet der jüngsten Renaissance des Euro bleibt festzuhalten, dass Europas Volkswirtschaft weiter am Tropf der USA hängt. Denn angesichts der nach wie vor bestehenden tiefgreifenden strukturellen Mängel ist Europa ein konjunktureller Alleingang bzw. die Übernahme der Lokomotiv-Funktion für die Weltwirtschaft noch nicht zuzutrauen.

Ursache für die jüngst wieder aufflammende Kaufneigung war die Entspannung auf der Zinsseite. Institutionelle und private Anleger haben über die vergangenen Wochen hinweg einen hohen Liquiditätsberg aufgebaut. Das Wissen um die ungebrochen positive Zukunft neuer Technologien ist ein Grund dafür, dass sich die Anleger wieder gezielt in den Aktien jener Hightech-Unternehmen positionieren, die in ihren Zukunftsindustrien globale Marktführer sind. Sonderbewegungen einzelner Börsen sorgten in den vergangenen Wochen für Aufmerksamkeit. Die Hausse in der venezuelanischen Hauptstadt Caracas war nicht zuletzt auf ein Übernahmeangebot für einen halbstaatlichen Energieversorger - einem im Index der Börse stark gewichteten Unternehmen - zurückzuführen. Die Aktienbörsen anderer Emerging Markets (wie Karachi, Sofia und Lima) litten unter negativen innenpolitischen Entwicklungen in diesen Ländern.

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