Mail-Filter ändert eigenmächtig Texte
Yahoo erfindet den Mittelrückblick

Das Internet verändert die Sprache - aber auf eine viel abstrusere Weise, als sich das Sprachkritiker jemals hätten träumen lassen.

hon DÜSSELDORF. An Kauderwelsch wie Spamdexing, Konnektivität oder Usability haben sich die Nutzer des Internets längst gewöhnt. Doch was um alles in der Welt bedeutet "medireview"?

Gar nichts. Kein Wörterbuch und kein Lexikon verzeichnet den Begriff. Und doch findet die Suchmaschine Google 1170 Treffer bei der Suchanfrage nach "medireview". Warum?

Vom mocha zum expresso

Die Geschichte beginnt mit einem Stichwort, das ebenfalls zu den Zierden des Online-Sprachgebrauchs zählt: Cross-Site Scripting. Dabei handelt es sich um eine seit 1997 bekannte E-Mail-Sicherheitslücke. Wenn Mails nicht als einfacher Text, sondern als HTML-Code verschickt werden, können sich JavaScript-Befehle verstecken, die gewisse Sicherheitsbarrieren des Browsers durchbrechen.

Um das zu unterbinden, durchforstet ein Filter bei Yahoo jedes einzelne Anhängsel ("Attachment"), das über den Mail-Dienst verschickt wird. Potenziell gefährliche Zeichenfolgen werden durch etwas ersetzt, was die Programmierer wohl für ein unverdächtiges Synonym hielten - beispielsweise "expression" durch "statement", "mocha" durch "expresso" und "eval" durch "review".

Vom Nonsens-Wort zum schicken Synonym

Um dem Unfug die Krone aufzusetzen, ersetzt der Filter die gefürchtete Zeichenkette auch, wenn sie Bestandteil eines Wortes ist. Aus "medieval" ("mittelalterlich") wird so das Nonsens-Wort "medireview" (etwa "Mittelrückblick").

Erstmals wurde dieser Eingriff bereits im September 2000 durch ZDNet.com beschrieben, wie das Online-Magazin Telepolis recherchiert hat. Dennoch blieb die Manipulation den meisten Yahoo-Nutzern verborgen. Viele Empfänger übernahmen offenbar Texte, die Ihnen zugemailt wurden, eins zu eins aus ihrem Yahoo-Postfach und stellten sie ins Netz.

Vom Austausch zum Unterstrich

So machten massenhaft Zeitungsartikel, wissenschaftliche Publikationen, Literaturhinweise und Forumsbeiträge mit dem ominösen "medireview" die Runde, wie Telepolis zusammengetragen hat. Dort ist vom "mittelrückblicklichen Indien" und von "mittelrückblicklichen russischen Kirchen" die Rede. Statt stutzig zu werden über die befremdliche Wortwahl einiger Zeitgenossen haben zahlreiche Autoren offenbar "medireview" leichtgläubig als schickes Synonym für "medieval" akzeptiert.

Mittlerweile scheint Yahoo seinen Filter modifiziert zu haben. Statt den Begriff auszutauschen, setzt Yahoo jetzt ungefragt einen Unterstrich vor die Unwörter. Darauf einen _mocha!

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