Mail von der Wall Street: Kopf hoch, New York

Mail von der Wall Street
Kopf hoch, New York

Mangelndes Selbstbewusstsein kann man den New Yorkern wirklich nicht nachsagen. Die Bewohner der Welthauptstadt sind es gewohnt, den Ton anzugeben. Umso verblüffender ist es, lieber Bürgermeister Bloomberg, dass auch Sie jetzt in das allgemeine Zähneklappern um den Ruf der Finanzmetropole einstimmen.

an: michael.bloomberg@nyc.com

Der von Ihnen, lieber Bürgermeister Bloomberg, in Auftrag gegebene Mc-Kinsey-Report über die schwindende Wettbewerbsfähigkeit des Big Apple liest sich wie ein Dokument der Angst. Absurde Bilanzregeln, unberechenbare Richter und hohe Zäune gegen Immigranten hätten dem Image der Wall Street als Finanzzentrum der Welt schwer geschadet.

Sicher, die Folterwerkzeuge des Bilanzgesetzes Sarbanes-Oxley haben einige Börsenaspiranten abgeschreckt. Und das unkalkulierbare Klagerisiko sowie die hemdsärmelige Art der Einreisebehörden sind nicht gerade dazu angetan, Investoren und Unternehmen nach New York zu locken. Aber erklären diese Ärgernisse allein, warum die Wall Street nun mehr Konkurrenz hat?

Bürgermeister Bloomberg, als gelernter Finanzprofi sollten Sie es eigentlich besser wissen. Fragen Sie doch mal ihre Freunde von den großen Investmentbanken, warum deren Gebühren in New York doppelt so hoch sind wie in London. Die britische City hat zudem den Vorteil, in der Mitte der weltweiten Zeitzonen zu liegen. Das macht London gerade für asiatische und russische Firmen attraktiv. Hinzu kommt, dass heute niemand mehr nach New York pilgern muss, um sich Kapital zu besorgen. Die Märkte in Hongkong oder Schanghai sind so liquide, dass sie selbst Mega-Börsengänge wie den der chinesischen Großbank ICBC ohne Probleme bewältigen können. Die Globalisierung des Kapitals sorgt für mehr Konkurrenz unter den Finanzplätzen, auch ohne dass in New York Politiker, Aufsichtsbehörden und Richter zum Investorenschreck werden.

Das globale Wettrennen hat aber auch einen Trost für Sie, Michael Bloomberg. Sorgt der Konkurrenzdruck doch dafür, dass auch Aufseher an anderen Finanzplätzen die Daumenschrauben anziehen. Investoren verlangen eben ein Mindestmaß an Sicherheit. New York wird also Spitze bleiben, aber eben nicht mehr alleine den Ton angeben. Ein Dämpfer, aber kein Grund, gleich nach dem Seelenklempner zu rufen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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