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Mal eben den Hype versemmelt?

Eigentlich hätte i-Mode ein Hype-Thema werden können. Doch die 100 000 zahlenden Nutzer legen einen anderen Schluss nahe. Wer ist Schuld dran?

Technologie-Unsicherheit ist der Grund, meint Olaf Deininger.

Kennen Sie das, wenn im Handy-Laden oder am Mobilfunkbalken im Media-Markt die Gesichter der Kunden immer länger werden? Und die Euphorie langsam der blanken Verwirrung weicht? Das ist doch alles ganz einfach, weiß der Händler, und berichtet, dass spätestens zum Weihnachtsgeschäft die mobilen Portale (der erste Begriff, den wir nicht verstehen) von WAP 1.3 auf WAP 2.0 (was bedeuten die Zahlen?) umstellen werden. Dass i-Mode dann seinen proprietären (schon wieder ein Fachwort) Charakter verliert. Ist ja schön, freuen wir uns. Aber ein wenig beunruhigt uns das schon.

Ob man damit auch Bilder verschicken kann? Jein, meint der Mann am Counter. Eigentlich ja, aber nur als Gifs 89 und nur in 256 Farben. Damit sieht aber jeder Sonnenuntergang so abgestuft aus, wie die Farbtöpfchen im Malkasten meiner Kinder. Und ein Urlaubsfoto macht uns alle zu Bleichgesichtern und der Strand wird maisgelb. Es gibt Schlimmeres. Aber ein wenig beunruhigt uns das schon.

Man kann E-Mails mit Foto verschicken, korrigiert der Verkaufsberater, und das geht auch ganz einfach! Nur machen kann man sie mit dem einzigen Gerät, mit dem man i-Mode benutzen kann, noch nicht, windet sich der Berater. Das ist nicht so tragisch. Aber ein wenig beunruhigt uns ...

Und leider verfügt das NEC "N 21 Ii" (so die offizielle Bezeichnung) auch über keine Java-Engine (schon wieder ein Fachwort, das wir nicht verstehen!), mit der man unterschiedliche Programme auf- und abspielen kann - auch wenn das jetzt immer mehr Handys haben. Wäre schon schön gewesen, murmeln wir. Aber ein wenig beunruhigt ...

Im Grunde ist das alles ganz einfach, meint der Einzelhändler abschließend. Und langsam fragen wir uns, wie zukunftskompatibel das Zukunftsthema i-Mode eigentlich ist? Hat sich der mobile Multimedia-Dienst im Gestrüpp aus unterschiedlichen Standards verheddert? Kann man das Gerät in einem Jahr noch benutzen? Und: Marschiert man damit gradewegs in eine technologische Sackgasse?

Wir erinnern uns an den Konkurrenzkampf um den besseren (im Sinne von Schaffung eines Marktes) Standard beim digitalen Fernsehen vor einigen Jahren. Damals standen zwei Typen von Decodern zur Auswahl: Kirchs dbox und Bertelsmanns Mediabox. Beide Systeme schlossen sich gegenseitig aus, waren untereinander nicht kompatibel. Und aus lauter Unsicherheit am Ende auf den falschen Standard für digitales Fernsehen zu setzen, entschieden sich viele Verbraucher dazu, erst einmal keines von beiden anzuschaffen.

Diese Mechanik - ohnehin ein Grund dafür, weshalb es die Zwischenformate wie GPRS oder WAP 1.3 auf dem Weg zu UMTS schwer haben werden - gilt mit Sicherheit auch für i-Mode. Und: Wirkt sich Nachfrage mindernd aus. Denn die Frage nach massenfähigen, zukunftskompatiblen Standards haben die i-Mode-Macher bislang nicht so richtig auf dem Zettel. Und so wundert es auch nicht, wenn potenzielle Käufer zu dem Schluss kommen, dass man die mobile Multimedia-Zukunft eigentlich noch ein wenig vertagen könnte.

Erinnern Sie sich an die drei Videoformate in den Siebzigern, an Betamax, Video 2000 und VHS, fragen wir den Fachberater. Ja, er hat noch einen Video 2000 Rekorder von Grundig im Lager stehen. Gleich neben den Kartons mit Handy-Geräten. Wir bedanken uns fürs Gespräch. Aber ein wenig ...

Die Werbung hat's versemmelt, hält Stephan Sempert dagegen

"There is no such thing as a free lunch" sagt der Amerikaner ,wenn er daran erinnern will, dass einem nichts geschenkt wird in dieser Welt. Und was zunächst wie ein echter Boxoffice-Hit aussah: Wir inszenieren die Erfolgsgeschichte von i-Mode in Deutschland! - entwickelte sich in der Realwelt dann als ein Marketing-Drama in drei Akten.

1. Akt: Werber finden Japan spannend

Der tornadohafte Erfolg der spaßigen i-mode Handies hatte auch soziokulturelle Hintergründe. Das beginnt mit Bedeutung mobilen Zeitvertreibs auf langen Schul- und Arbeitswegen und endet noch lange nicht mit der japanischen Alltagsästhetik. Um das zu verstehen, muss man nicht nach Tokyo reisen: Ein kurzer Besuch in einem japanischen Supermarkt (davon gibt?s in Düsseldorf genug) hätte da eigentlich schon verschärfte Nachdenklichkeit erzeugen müssen. Werber wiederum finden genau diese für uns Normalos eher verrückt anmutende Zeichenwelt spannend und aufregend. Leider gab es nicht genug Art-Direktoren, um einen breiten Markterfolg zu garantieren. Weswegen vermutlich der Vorhang über der ersten Kampagne (irgendetwas unverständliches mit komischen Tieren, aber lustig) zügig wieder geschlossen würde; es folgte der

2. Akt: Das i-Menu hat viele bunte Marken, die wir alle kennen

Was in jedem richtigen Supermarkt funktioniert, das sollte doch auch online klappen. Spiegel, Varta und der ADAC: Damit muss man doch die Massen locken können. Was genau aber von diesen Marken zu erwarten wäre in der schönen mobilen Multimedia Welt; diese Antwort blieb E-plus uns dummen Konsumenten leider schuldig. Die heimliche Botschaft dahinter lautet: Setze Dich erst mal ordentlich mit unserem Produkt auseinander! Natürlich am besten im Internet. Lockerflockig-multimedial werden wir dort zum Klausurbetrug aufgefordert oder zum spontanen Ausflug mit unserem Kabrio, immer in Begleitung unsers i-mode-Handies natürlich. Das ist keine überzeugender Nutzenargumentation, sondern nur pädagogische Lifestyle-Erziehung - typisch Werbeberater. Das nervt wahrscheinlich nicht nur den Art-Direktor und alle über 30jährigen sondern auch die Kernzielgruppe, darum Abgang und ein neuer Versuch:

3. Akt: Der Preishammer kreist

"Wir können Dir zwar nicht sagen, wozu das Ganze nützlich sein soll, aber dafür kostet es ja auch nichts - jedenfalls am Anfang", lautet jetzt der Tenor der aktuellen Kampagne. 50 Euros Startguthaben sollen die Hemmschwelle senken, und danach wird richtig abkassiert. Wirklich? Dummerweise weiß auch die gemeine Konsumentin, dass sie nie wirklich etwas geschenkt bekommt. Drei Viertel aller i-mode Abonnenten sind Umsteiger aus anderen e-plus-Tarifen. Bei dieser neuen Preisstruktur (auch die Übertragungsgebühren bleiben auf unbestimmte Zeit auf Einführungsniveau) ist klar: Hier wird von denen, die sowieso einen neuen Vertrag brauchen, i-mode als nette Zusatzfunktion mitgenommen. 25% Mehrumsatz sind allerdings so nicht zu machen.

Vorhang zu und Ende? Hoffentlich nicht. Fehlgeschlagen ist wieder einmal der Versuch, echten Nutzen durch Hype zu ersetzen. Ihr Kolumnist empfiehlt: Investition in echte Killeranwendungen wie Navigation mit LBS oder Online-Information Manager. Statt von allem ein bisschen Mut zum Risiko und Investition in Nutzen, und nicht in Werbung. Dieser Ratschlag ist übrigens tatsächlich kostenlos.

Schreiben Sie den Autoren: olaf.deininger@mediaone-hh.de Stephan@Sempert.net

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