Maliks Kolumne
"Die US-Wirtschaft ist ein falsches Wunder"

Die Meinung, dass die US-Wirtschaft so erfolgreich sei wegen ihres besonders guten Managements und ihrer fortschrittlichen Corporate Governance, ist falsch.

Wer an einer echten Karriere im Management interessiert ist, muss beizeiten sein kritisches Denkvermögen schulen. Die hoch im Kurs stehenden Analysefähigkeiten allein genügen nicht, wie man am Beispiel des allseits bewunderten amerikanischen Wirtschaftsbooms illustrieren kann. Man muss die Analysen auch noch hinterfragen.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Naivität und Blindheit wir immer wieder amerikanische Managementvorstellungen übernehmen. Dazu gehören unter anderem die Ideen zur Corporate Governance. Das Argument ist immer gleich: Weil die US-Wirtschaft so erfolgreich ist, muss auch das US-Management gut sein. Managen wir also unsere Unternehmen wie die Amerikaner, dann wird es auch unserer Wirtschaft gut gehen. Mit dieser Einstellung öffnen wir unsere Tore für ein Trojanisches Pferd.

Wer skeptisch war, und geprüft hat, kam früh zum Ergebnis, dass das vielgepriesene und naiv bestaunte amerikanische Wirtschaftswunder nie stattgefunden hat. Es war ein Medienereignis - sonst nichts.

Die amerikanischen Wachstumsraten der 90er Jahre waren schon in ihrer offiziellen Version keineswegs größer als in früheren Perioden, wie ein Vergleich seit dem Zweiten Weltkrieg beweist. Dazu kommt aber, dass sie durch zwei Effekte künstlich erhöht wurden: durch die Finanzblase und - noch gravierender - durch den statistischen Effekt des sogenannten "Hedonic Price Indexing". Das ist eine Methode, durch die man die sinkenden Preise von IT-Investitionen mit Hilfe ihrer gestiegenen Leistungskraft zu korrigieren versucht - geniale Statistik, aber miserable Ökonomie. Dadurch wurde der Wachstumsanteil der IT am Sozialprodukt verzwanzigfacht. Niemand sonst rechnet zwar so; aber alle bestaunten die US-Wachstumsraten.

Es gab nie ein Produktivitätswunder, außer in dem kleinen Segment der Computerherstellung. Professor Robert Gordon von der Northwestern University in Chicago, einer der wenigen klarsichtigen Analytiker der publizierten Produktivitätszahlen, hat gezeigt, dass es nie quantitative Evidenz für die Behauptungen steigender Produktivität gab. Nur gewisse Consultingfirmen, die sich schon in anderen Fragen massiv getäuscht haben, glauben an das Märchen von der Produktivitätssteigerung.

Die amerikanischen Gewinne waren keine Folge realer Wirtschaftsleistung, sondern kreativer Buchhaltung - zum Schluss erreichte diese die Grenzen der Bilanzfälschung. Darum brechen diese Gewinne jetzt auch zusammen. Sie sind erstens durch falsche Verbuchung von Aktienoptionen entstanden, einschließlich der Steuervorteile, die daraus resultieren, zweitens durch Aktivierung statt Abschreibung der Aufwendungen für Software, drittens durch die mit den Aktienoptionen verbundenen tiefen Löhne und viertens durch Finanzmarktmanöver, wie etwa die Aktienrückkaufprogramme. Weitere, noch über Kreativität hinausgehende Buchungskunststücke kommen jetzt täglich ans Tageslicht. Der Markt hat Transparenz gefordert und Verschleierung bekommen.

Nicht nur, dass keine echten Gewinne erzielt wurden, die Unternehmen haben auch keine echten Investitionen getätigt. Nur daraus hätte echte Produktivitätssteigerung entstehen können. Der Kapitalstock Amerikas befindet sich aber auf dem Niveau der 60er Jahre. Die Sparquote ist von rund 10 Prozent Ende der 80er auf unter Null Ende der 90er Jahre gesunken.

Die Börsenhausse war nie auf echte Wertschöpfung gestützt, sondern auf Desinformation durch die Wallstreet-Industrie und die exorbitante Verschuldung aller amerikanischen Wirtschaftssegmente, zuletzt mit einem Faktor von eins zu drei. Im Klartext heißt das: Für jeden Dollar zusätzliches Sozialprodukt waren rund drei Dollar zusätzliche Schulden erforderlich.

Es gab auch nie das vielgepriesene amerikanische Haushaltswunder. Die öffentliche Verschuldung Amerikas steigt nach wie vor und ist heute höher als zu jedem früheren Zeitpunkt, was man täglich im Internet nachvollziehen kann.

Die amerikanischen Wirtschaftszahlen der letzten fünf Jahre sind falsch oder wurden falsch interpretiert und medienmäßig propagiert. Nur nebenbei: Sie werden jetzt durch die Behörden rückwirkend korrigiert, aber wer nimmt das schon zur Kenntnis? Das Handeln der Menschen ist damit in eine falsche Richtung gesteuert worden. Die Folge ist ein massiver Fehleinsatz der Resourcen. Dies führt jetzt, nachdem sich auch die Illusion des ewigen Booms als falsch erweist, zu erheblichen Korrektur-Notwendigkeiten, deren Vollzug viel Zeit beanspruchen wird.

Die Meinung, dass die amerikanische Wirtschaft so erfolgreich sei wegen ihres besonders guten Managements und ihrer fortschrittlichen Corporate Governance, ist falsch - und die naive Nachahmung amerikanischer Denkweisen und Methoden in Europa und Asien ist gefährlich.

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