Mammutkonferenz soll Umsetzung des Kyoto-Abkommens voranbringen
Mühsamer Klimaschutz im heißen Lyon

ap LYON. Der Schutz des Weltklimas ist ein mühsames Geschäft. Drei Jahre nach dem Durchbruch von Kyoto sitzen seit Montag wieder 2 000 Experten und Politiker zusammen, um mit akribischer Detailarbeit der ersten völkerrechtlichen Verpflichtung zur Reduzierung der Treibhausgase zur Umsetzung zu verhelfen. Die Lösung der politischen Streitpunkte steht bei der Mammutkonferenz im sonnig-heißen Lyon aber noch immer nicht auf der Tagesordnung. Erst im November wollen die zuständigen Minister bei einer weiteren Konferenz in Den Haag über Emissionshandel, Gutschriften, Treibhausgassenken und Kontrollmechanismen entscheiden.

Der Leiter der deutschen Delegation bei der UN-Klimakonferenz, Hendrik Vygen, sorgt sich um die Glaubwürdigkeit der Vereinbarung. Mehrere Industrieländer, allen voran die USA, suchen nach Schlupflöchern, wollen die Bindung von Kohlenstoff in Wäldern - eine so genannte Treibhaussenke - möglichst weit auf ihre Reduzierungsverpflichtung angerechnet haben. Auch der Emissionshandel und Gutschriften für die Klimaschutzprojekte dürften nicht so weit ausgedehnt werden, dass ein Staat das Kyoto-Protokoll erfüllen könne, ohne seine heimischen Treibhausgasemissionen tatsächlich zurückzufahren, warnt der Ministerialdirigent im Bundesumweltministerium vor "Schönrechnerei".

Auch die nichtstaatlichen Organisationen (NGO) wollen verhindern, dass sich die Industriestaaten im großen Maßstab freikaufen. Bernd Brouns vom Wuppertal-Institut verweist auf Russland, das durch den Einbruch seiner Industrieproduktion in den 90er Jahren seine Kyoto-Verpflichtungen schon übererfüllt habe.



Überschwemmungen und Versteppungen



Frankreichs Premierminister Lionel Jospin appellierte kaum verhüllt an die Amerikaner, in einer gemeinsamen Anstrengung müssten alle Industrieländer ihre Verantwortlichkeit voll übernehmen. Nötig sei eine tief greifende Änderung der Mentalität, der Konsum- und Produktionsgewohnheiten.

Im klimatisierten Kongresszentrum an der Rhone erinnerte Jospin noch einmal eindringlich an die konkreten Folgen des weltweiten Klimawandels: Die Durchschnittstemperaturen könnten in diesem Jahrhundert um ein bis drei Grad steigen, die Meeresspiegel um 15 bis 95 Zentimetern steigen. Ganze Küstenregionen würden überflutet, anderswo drohten Dürren und Versteppung. Von "zwei Grad mehr oder weniger könnte eines Tages das Überleben der uns nachfolgenden Generationen abhängen", sagte Jospin.

Seinen schönen Worten hatte der Regierungschef zuvor allerdings andere Taten vorangehen lassen: Seine Regierung schafft die Kfz-Steuer in Frankreich ab, den protestierenden Landwirten, Spediteuren und Taxifahrer sicherte er einen teuren Ausgleich für die hohen Treibstoffpreise zu. Dies seien nur "konjunkturelle Maßnahmen", beschwichtigte Jospin und bekannte sich umgehend zum Prinzip der Ökosteuer.

Die Zeit dränge, gab der Gastgeber den Experten auf den Weg. Diese versuchen nun bis Freitag in zahlreichen Arbeitsgruppen, die noch zahlreichen Streitpunkte wenigstens auf den Punkt zu bringen und als Vorlage für die 6. Vertragsstaatenkonferenz im November auszuformulieren. "Wenn das klappt, hat Den Haag Aussicht ein Erfolg zu werden", sagt der deutsche Delegationsleiter Vygen. Gelingt dort der Durchbruch, könnten die Industrieländer ratifizieren und die Kyoto-Vereinbarung könnte 2002 in Kraft treten - zehn lange Jahre nach Beginn des Prozesses in Rio.

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